Brenzlige Verteidigungsfälle

1. Späte Rache
Der Schock und die Wut sitzen immer noch tief. Ferdinand B. geht durch die Stadt. Am Tag zuvor war er von zwei Unbekannten auf offener Straße überfallen worden. Die beiden hatten ihm seine Brieftasche mit 200 Euro, Kreditkarten und Ausweis abgenommen. Der eine hielt ihn fest und schlug ihm mit der Faust in die Nierengegend. Der andere klaute die Brieftasche aus dem Mantel. Da konnte selbst Kampfsportler Ferdinand B. nichts ausrichten.
Nun aber traut er seinen Augen nicht. Denn in diesem Moment erblickt er einen der Räuber. Auch der Räuber sieht Ferdinand. Er versucht wegzurennen. Doch Ferdinand B. ist gut trainiert und holt ihn ein. Als er ihn zu fassen kriegt, wirft er ihn zu Boden. Er schreit ihn an und verlangt die Rückgabe seiner Brieftasche. Als der Räuber erneut versucht zu flüchten, versetzt ihm Ferdinand B. mehrere gezielte Fußtritte in die Nieren, bis er sich nicht mehr bewegt. Dann ruft er die Polizei und berichtet stolz, dass er einen Räuber unschädlich gemacht hat …

Hat Sie jemand angegriffen und verletzt, den Sie nach ein paar Stunden oder am darauffolgenden Tag zufällig wiedertreffen, dann dürfen Sie ihn nicht angreifen, um es ihm „heimzuzahlen“. Denn die „Gegenwärtigkeit“ seiner Tat ist nicht mehr gegeben, wie es Juristen ausdrücken. Allerdings dürfen Sie den Täter vorläufig festnehmen.

2. Wenn das Opfer zum Täter wird
Franz K. ist so richtig schlecht drauf. Sein Chef hat ihn heute vor allen Kollegen bloßgestellt und der Feierabend endet mit einem heftigen Ehekrach. Franz K. läuft ziellos durch die Straßen. Plötzlich stellt sich ihm ein Jugendlicher in den Weg. Mit gezogenem Messer schreit er ihn an: „Geld her!“ Franz K. hat solche Situationen im Verein oft geübt und reagiert reflexartig. Er schlägt dem Angreifer das Messer aus der Hand und kickt es mit dem Fuß außer Reichweite. Dann fährt er den Räuber an: „Jetzt zeig mal, was du kannst – ohne dein Messer!“ Der junge Mann will abhauen. Da bringt ihn Frank mit einer Fußsichel zu Fall und lässt seinen aufgestauten Aggressionen freien Lauf: Er traktiert den am Boden Liegenden mit Fußtritten, bis dieser sich nicht mehr bewegt. Passanten haben die Szene beobachtet und rufen die Polizei. Franz K. bleibt am Tatort und beruft sich den Beamten gegenüber auf sein Notwehrrecht.

Franz K. hat deutlich die Notwehrgrenze überschritten. In seinem Fall wird ihm der Richter nicht glauben, dass er aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken gehandelt hat. Denn er beherrscht die Techniken der Selbstverteidigung. Das Recht zur Notwehr gilt für beide. Sie dürfen den Angreifer selbst nicht mit Schlägen traktieren, nachdem er von Ihnen abgelassen hat. Sie dürfen ihn zur Abwehr nicht unverhältnismäßig schwer verletzen.

3. „Er hat schließlich angefangen“
Heribert S. und sein Freund sind verärgert. Ihre Mannschaft hat heute wieder sauschlecht gespielt. Es war ein hektisches Spiel mit vielen Fouls und etlichen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Eine ganze „Traube“ Fußballfans zieht nun Richtung Kneipe. Auf dem Weg dorthin werden die beiden von Fans der gegnerischen Mannschaft überholt. Die machen abfällige Bemerkungen über ihre Mannschaft. Einer packt Heribert S. an der Schulter und lallt ihm mit Alkoholfahne Schimpfworte ins Gesicht. Heribert S. weicht ihm aus. Jetzt fällt der Gegner-Fan hin. Er rappelt sich wieder hoch und provoziert Heribert S. nochmal.
Jetzt reicht es Heribert. Er versetzt dem Betrunkenen einen Schlag ins Gesicht. Als dieser unkontrolliert um sich schlägt, packt Heribert S. ihn am Arm und stößt ihn mit dem Fuß zu Boden, so dass der Arm bricht.
Der Polizei gegenüber erklärt Heribert S.: „Ich muss mich doch nicht übel beschimpfen und angreifen lassen. Schließlich hat er angefangen.“

Die Verteidigung gegenüber betrunkenen, hilfsbedürftigen oder geistig verwirrten Menschen ist nicht zu empfehlen. Hier gilt: Weichen Sie deren Angriffen aus!

4. Kluge Helfer in der Not
Yetkin S. und Hubert R. sind auf dem Weg zur U-Bahn. Sie wollen sich ins Nachtleben stürzen. Als sie an einem Parkhaus vorbeikommen, hören sie Hilfeschreie einer Frau. Sofort rennen beide los. Schon von Weitem erkennen Sie die Situation. Ein Mann drückt die schreiende Frau gegen ein Auto und versucht sie zu vergewaltigen. Yetkin S. schickt seinen Freund zur nächsten Telefonzelle, die Polizei holen. Er traut sich zu, des Täters alleine Herr zu werden. Er hat schließlich jahrelange Kampfsport-Erfahrung. Mit einem geübten Griff befreit er die Frau und drückt den Täter zu Boden. Er fixiert ihn geradezu, dreht ihm den Arm auf den Rücken. Als der Mann am Boden schreit: „Loslassen!“ , meint Yetkin S. nur gelassen: „Einen Moment, gleich kommt die Polizei.“

Besonders heikel kann es mitunter werden, wenn Sie jemandem helfen wollen. Sie müssen sicher sein, dass der andere auch verteidigt werden will. Falls jemand um Hilfe schreit, können Sie immer davon ausgehen, dass er diese auch benötigt. Sollte es nicht ernst gemeint sein, liegt das Verschulden beim Hilferufenden und nicht bei Ihnen.

Die vorläufige Festnahme ist nur zulässig, wenn der Täter offensichtlich fliehen will. Und wenn anschließend sofort die Polizei verständigt wird. Durch Sie selbst oder einen Helfer. Teilen Sie dem Täter die Festnahme mit. Zum Beispiel mit den Worten: „Ich halte Sie jetzt fest, bis die Polizei kommt“. Eine vorgeschriebene Formulierung gibt es nicht.