Gehören U-Bahn-Schubser in die Klapse? Manche kommen bereits aus der Psychiatrie

Die Berliner U-Bahnhöfe sind eigentlich sicher. Millionen Menschen nutzen sie, ohne dass etwas passiert. Einzelne Gewalttaten lösen trotzdem Sorgen aus.

Berlin Alexanderplatz: Ein 38-jähriger Mann fällt die Treppe im U-Bahnhof herunter. Die Polizei hat mit diesem Überwachungsfoto den Täter (r.) gesucht, der den Mann hinuntergestoßen haben soll. Die Öffentlichkeitsfahndung hatte Erfolg.

VON ANDREAS RABENSTEIN und JUTTA SCHÜTZ  (dpa)
Der brutale Angriff kam von hinten, überraschend und heftig. Es war 1.48 Uhr in der Nacht zum 11. Juni, als der kräftige Mann auf der Treppe im Berliner U-Bahnhof Alexanderplatz zuschlägt. Auf dem ersten Bild, das die Polizei veröffentlichte, sieht man, was dann passiert. Das Opfer, ein 38-jähriger Mann, stürzt die Stufen zum Bahnsteig herunter. Er überschlägt sich auf dem harten Stein, rollt weiter runter, sein Rucksack fliegt durch die Gegend. Auf einer der unteren Stufe bleibt er mit einer schweren Verletzung am Kopf und Prellungen liegen. Da steht der Täter entspannt in der Mitte der Treppe, sieht schräg an der Kamera vorbei nach oben und macht eine Handbewegung Richtung möglicher Zeugen.

Deutlich zeigten weitere Bilder aus den Minuten nach der Tat das Gesicht des Täters, seine sportliche Statur, die auffällige Jacke. Einen Monat nach der Tat gab die Polizei die Bilder aus Überwachungskameras am Dienstag per Internet an die Öffentlichkeit. Und schon am Mittwoch wurde ein 39-Jähriger als mutmaßlicher Täter gefasst.

Laut Gutachten «nicht fremdgefährlich» 
Der verdächtige Russe war nach Angaben der Staatsanwaltschaft nach einem schweren Raub von 2004 bis 2010 bereits in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt untergebracht. Er sei psychisch krank, sagt ein Polizeisprecher. Ende 2010 sei der Mann zur Bewährung freigelassen worden. Ein Gutachter habe eingeschätzt, dass er nicht «fremdgefährlich» sei. Nun wurde er per Gerichtsbeschluss erneut in die geschlossene Einrichtung eingewiesen.

Die schnelle Aufklärung war wie in vielen Fällen zuvor den Überwachungskameras in dem großen und weitläufigen U-Bahnhof und der Verbreitung über das Internet zu verdanken. Innerhalb eines Tages gingen bei der Polizei mehr als 40 Hinweise ein. Darunter waren offenbar auch die diejenigen, die zur Identifizierung und dann zur Festnahme des Mannes führten.

Meinungsverschiedenheiten um Videoüberwachung 
Fälle wie dieser geben dem Streit um die Videoüberwachung in Berlin neues Futter. Eine Initiative von Politikern und Verbänden will mit einem Volksbegehren Kameras zur Überwachung von 50 Orten mit viel Kriminalität durchsetzen. Der Senat aus SPD, Linken und Grünen lehnt das mit Verweis auf Datenschutz und dem bereits geplanten Ausbau der Polizei ab.

Außerdem erinnert die Tat gleich an zwei schlimme Vorfälle der vergangenen Jahre. Im Oktober 2016 hatte ein Mann im U-Bahnhof Hermannstraße in Neukölln eine jungen Frau mit einem harten Tritt in den Rücken eine Treppe hinuntergestürzt. Die Frau verletzte sich schwer. Der Täter, der aggressiv war und unter Drogen stand, wurde später gefasst und kürzlich zu zwei Jahren und elf Monaten Gefängnis verurteilt.

Kurz zuvor aus Psychiatrie entlassen 
Ein anderer Fall war noch viel schlimmer. Im Januar 2016 wurde eine 20 Jahre alte Frau im Berliner U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg vor einen einfahrenden Zug gestoßen und überfahren. Sie starb. Im Oktober 2016 ordnete das Gericht die dauerhafte Unterbringung des 29 Jahre alten Täters in einer Psychiatrie an. Eine Strafe wegen Mordes sei wegen seiner psychischen Erkrankung nicht möglich, begründeten die Richter. Der Täter war nur Stunden zuvor aus einer psychiatrischen Klinik in Hamburg entlassen worden.

Auch im aktuellen Fall des Angriffs auf der Treppe im U-Bahnhof wird es zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Ob der Mann überhaupt schuldfähig ist, müssen dann Richter entscheiden. Ansonsten könnte auch er dauerhaft in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Foto: Polizei Berlin

14.07.2017  wel