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XY-Info

Marcel Gleffe: Rettung von der Todesinsel

Der 22. Juli 2011 ist als einer der schwärzesten Tage in die Geschichte Norwegens eingegangen. Der rechtsradikale Islamhasser Anders Behring Breivik zündet eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel. Dann fährt er zur Ferieninsel Utøya. Er hat  sich als Polizist verkleidet. Plötzlich eröffnet er das Feuer auf die Teilnehmer eines Zeltlagers der regierenden Arbeiterpartei. Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden von zum Teil gezielten Schüssen des Amokläufers getroffen. Etwa anderthalb Stunden dauert der Horror auf der Ferieninsel. 77 Menschen sterben. Dann ergibt Breivik den eintreffenden Spezialkräften der Polizei. 

Zum Helden wird an diesem Tag ein Deutscher: Marcel Gleffe (32) aus Teterow. Der Dachdecker ist vor zweieinhalb Jahren nach Norwegen ausgewandert. Mit seinen Eltern und seinem Cousin macht er Urlaub auf dem Campingplatz von Utvika am Tyrifjord - gegenüber der Insel Utøya. Am Freitagnachmittag erfährt die Familie über einen Nachbarn von dem Bombenanschlag in Oslo. "Wir haben am Tisch gesessen und entsetzt darüber diskutiert", erzählt Gleffe. "Auf einmal knallt es auf der Insel gegenüber und Rauch steigt auf. Da haben wir noch gedacht, dass es ein Feuerwerk ist.“ 

Kosovo-Erfahrung 
Als Salven aus einer automatischen Waffe zu hören sind, wird ihm aber sofort klar, dass es etwas anderes sein muss. Gleffe hat eine militärische Ausbildung: Vor zehn Jahren war er im Kosovo stationiert. Wie Schüsse klingen, ist ihm bekannt. Alle laufen zum See. Sie können erkennen, wie Menschen von der Insel ins Wasser springen. Zwischen beiden Ufern liegen etwa 600 Meter, das Wasser ist eiskalt. Marcel Gleffe springt in ein kleines Boot mit 10-PS-Motor, das er für sich gemietet hat. Er ist der erste, der rausfährt.  

"Ich habe nicht mehr überlegt, nur funktioniert, ihnen die Schwimmwesten zugeworfen. Dann waren da Jugendliche, die Angst hatten, dass auch ich sie töten will." Er  erklärt auf Norwegisch, dass er helfen will und bringt die erste Gruppe an Land, wo seine Familie die völlig unterkühlten Opfer versorgt. Er fährt wieder los und zieht sechs bis acht weitere Menschen aus dem Wasser. Mit Schuhen schöpfen sie Wasser aus dem überladenen Boot. Dann entdeckt einer den Täter: "Der sitzt da auf dem Stein!" 

Schüsse peitschen übers Wasser 
Breivik schießt angeblich vom Ufer aus auf die fliehenden Schwimmer. Ob er auch auf sein Boot gezielt hat, kann Marcel Gleffe später nicht sagen. Aber alle legen sich flach hin und Gleffe versucht, das Boot nie zum Stillstand kommen zu lassen. Inzwischen helfen auch andere Urlauber und ein Campingplatzbesitzer mit ihren Booten. Marcel Gleffe spricht sich mit ihnen ab und fährt etwa fünf Mal raus. 

20 bis 30 Menschen bringt er in Sicherheit. Insgesamt werden etwa 150 Menschen durch die Boote gerettet. "Solange bis die Polizei kam und gesagt hat: Jetzt nicht mehr“. Er habe nicht anders gekonnt, als zu helfen, sagt er heute. "Es ist doch ganz selbstverständlich, was wir gemacht haben." 


So bewertet die Jury Marcel Gleffes Engagement:  
Marcel Gleffe hat durch sein Handeln herausragenden Mut und Entschlossenheit bewiesen. Trotz des hohen Risikos, selbst ins Visier des Attentäters zu geraten, zog Marcel Gleffe rund 30 Kinder und Jugendliche aus dem eiskalten Wasser und bewahrte sie vor dem drohenden Tod. Mit seinem selbstlosen Einsatz steht der Deutsche stellvertretend für alle Helfer, die mit ihm an dem Tag, als die ganze Welt nach Norwegen blickte, rund 150 Menschenleben gerettet haben. Die Jury zollt Herrn Marcel Gleffe dafür ihre höchste Anerkennung. 

Fotos: Securitel

14.10.2011  wel