Artikel kommentieren Artikel Empfehlen Artikel Drucken

Ratgeber

Satanismus

Gefährliche Entwicklung

 

Der brutale Wittener Ritualmord hat nicht nur die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Auch die Polizei ist alarmiert. Kriminalisten sehen ein wachsendes Gefährdungspotenzial durch okkulte Gruppierungen. Dabei geht es nicht nur um Grabschändungen und vergleichweise „harmlose" Delikte. Es gibt Verbindungen der Satanisten zum Rechtsradikalismus und in die Kinderporno-Szene.

Autorin: Bettina Schopis

Kaum jemand hätte einen so unbegreiflichen und abartigen Ritualmord für möglich gehalten, wie ihn der Fall R. zu Tage gefördert hat. Deshalb gibt es in Deutschland heute nur wenige Kriminalisten und Kommissare, die sich in der komplizierten Materie wirklich auskennen. Ihre Einschätzung ist jedoch einhellig: Das Bedrohungspotential durch okkult-ideologische Gruppierungen nimmt zu.

Erfassung okkulter Straftaten dringend erforderlich
Harry Bräuer, Kriminalhauptkommissar beim Polizeiprädium München, befasst sich seit 1997 beim Kommissariat Opferschutz und Verhaltensprävention schwerpunktmäßig mit Sekten/Okkultismus. Auch er schätzt das tatsächliche Gefahrenpotential höher ein und hält eine bundeseinheitliche Erfassung von Straftaten mit okkult-ideologischem Hintergrund für dringend erforderlich. Von 1.000 Beratungsfällen seien etwa 25 Prozent dem Bereich Okkultismus/Satanismus zuzuordnen - mit einem jährlichen Zuwachs von etwa 30 Prozent. Das zeige, dass nicht nur Aufklärung und Beratung, sondern auch die Beobachtung der Szene wichtig sei.

Fehlendes Wissen
In die gleiche Richtung argumentiert Kriminalhauptkommissar Peter Göbel von der Landespolizeidirektion Freiburg. Auch er gehört zu den wenigen Polizeibeamten, die sich intensiver mit dem Phänomen beschäftigt haben. Göbel ist der Überzeugung, dass weit mehr Straftaten auf das Konto von Satanisten gehen, als aktenkundig sind. „Den meisten Kollegen fehlt schlicht das Wissen, um bei einer Straftat einen okkulten Hintergrund erkennen zu können. Sowohl bei Polizei als auch bei Jugendbehörden besteht dringender Bedarf nach entsprechenden Ausbildungs- und Fortbildungsprogrammen."

 

Handlungsbedarf
Für Prof. Dr. Hans-Dieter Schwind, renommierter Kriminologe an der Universität Osnabrück, nimmt das Gefahrenpotential, das von „okkult-ideologischen" Straftätern ausgeht, deutlich zu. Zugleich stellt er fest, dass nur unzureichende Informationen über dieses Umfeld verfügbar sind. Hier sieht Schwind Handlungsbedarf. Der Kriminologe sieht das Problem auch vor dem Hintergrund von Auflösungserscheinungen unserer Gesellschaft. „Die Hemmschwellen der Brutalität sinken", so Schwind. „Sinnvolle Jugendarbeit" sei dringend gefragt.

Phänomen kriminologisch unterschätzt
Auch Dr. Alfred Stümper, ehemaliger Landespolizeipräsident von Baden-Württemberg, betont den gesellschaftlichen Hintergrund des so genannten „Satanismus". Für Stümper gehören kriminelle Satanisten in den Bereich der so genannten „Destruktionstäter". Als Motiv stehe der Zerstörungsdrang im Vordergrund, egal ob Steine auf die Autobahn geworfen werden oder Gräber geschändet. „Dieses irrationale Gewaltphänomen hat deutlich zugenommen. Es wird aber kriminologisch noch viel zu wenig beobachtet und gewürdigt", so Dr.Stümper.

In Deutschland bis zu 7.000 gefährliche Satanisten
Hinter dem Begriff Satanismus verbergen sich unterschiedlichste Strömungen. Die Palette der Straftaten reicht von Sachbeschädigung bis hin zum rituellen Mord. Nach einer Studie der Hamburger Innenbehörde leben in Deutschland schätzungsweise bis zu 7.000 radikale Anhänger des Satanskults. „Das sind diejenigen, die zumindest gedanklich Tötungen in Kauf nehmen", so Ingolf Christiansen, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers. Auch er schreckt vor einem schrecklichen Verdacht nicht zurück: „Immer wieder kommt es vor, daß Menschen im Umfeld organisierter Satanisten-Gruppen verschwinden, aber ein Verbrechen nicht nachgewiesen werden kann", sagt Ingolf Christiansen. Die satanistische Szene bestehe bei weitem nicht nur aus verirrten Jugendlichen, betont Christiansen. „Die Mitglieder organisierter Gruppen treiben sich nicht auf Friedhöfen herum und sehen eher bieder aus."

Experten warnten schon 1998 vor Ausbreitung der Satanisten-Szene
Wirklich verlässliche Zahlen über die Anhängerschaft der Satanisten existieren ebenso wenig, wie über die von ihnen begangenen Straftaten. Nach Einschätzung von Sektenbeauftragten hat das Treiben der Satanisten jedoch eine neue Dimension erreicht. Im Internet werden immer mehr Bilder von rituell gequälten Menschen angeboten. Schon 1998 warnte eine Enqetekommission des Bundestags vor dem Wachsen der Szene und äußerte sogar den ungeheuerlichen Verdacht, „dass Frauen aus Osteuropa in Deutschland gebären, um ihre Kinder dort dann töten zu lassen."

Verbindungen zum Kinderporno-Geschäft
Nicht erst seit den Ermittlungen gegen den Mörder und Kinderschänder Dutroux kursieren Gerüchte, dass Kinder aus der Pädophilen-Szene an Satanisten und umgekehrt „vermietet" werden, um den jeweiligen abartigen Neigungen der beiden Bereiche zur Verfügung zu stehen. „Unklar ist, ob es sich dabei um ´echte´ Satanisten handelt oder der Satanismus in diesem Milieu nur aufgesetzt ist, um die eigentlichen, kriminellen Absichten zu verschleiern", so Ingolf Chistiansen. „Es gibt aber Hinweise im Internet, dass international agierende, organisierte satanistische Kreise eine Vernetzung mit Anbietern von Kinderpornographie eingehen." Davon weiß auch die Polizei, will aus ermittlungstaktischen Gründen jedoch keine Einzelheiten bekanntgeben.

Allianz zwischen Neo-Nazis und Satanisten
Seit einigen Jahren ist in Teilen der Okkult- und Satanismus-Szene ein Umbruch zu beobachten. Vor allem in den Neuen Bundesländern orientieren sich Jugendliche, auch aus der Skinhead-Szene, zunehmend an neonazistischem und satanistischem Gedankengut. Verfassungsschützer sprechen von einer Allianz zwischen Neo-Satanisten und Neo-Nazis. „Bands aus der Black-Metal-Szene, die satanistische Ansätze mit germanischen und rechtsextremistischen Vorstellungen kombinieren, spielen bei von Rechtsextremen veranstalteten Konzerten und umgekehrt", sagt Reinhard Boos, Präsident des Verfassungsschutzes in Sachsen. In der rechtsextremen Skinhead-Szene würden germanisch-heidnische Artikel und Symbole immer beliebter. „Bisher findet diese Überschneidung der beiden Szenen nur am Rande statt. Wir müssen die weitere Entwicklung aber aufmerksam beobachten."

Werbung neuer Mitglieder über esoterische Themen
Nicht nur übers Internet erhalten die Teufelsanbeter wachsenden Zulauf. Einige Gruppierungen locken junge Menschen über Freizeitaktivitäten oder esoterische Angebote an. Auch beim so genannten Thelema-Netzwerk sollte die Kundenwerbung über öffentlich angebotene Kurse zu unverfänglichen Themen wie Bio-Energetik und Meditation erfolgen. Der Gründer des Thelema-Netzwerks, Michael E., behauptet von sich, die Reinkarnation des Satanisten-Gurus Aleister Crowleys zu sein und ahmte dessen Perversitäten nach. Als „Ekeltraining" deklariert, mussten Einstiegswillige Kot und Urin trinken. E. wurde u.a. wegen Körperverletzung, Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung tritt E. zwar nicht mehr unter dem Namen Netzwerk-Thelema auf, wirbt aber weiterhin im Internet. „Die heutige Mitglieder- und Sympathisantenszene dürfte sich ausgeweitet haben, zumal nach dem Fall der Mauer ein neues Betätigungsfeld in den Neuen Bundesländern gesucht wird", vermutet Ingolf Christiansen.

Foto: istockphoto

03.02.2002 Ster