Kunst oder Vandalismus? Bahn zeigt in Berlin jährlich 1.400 Graffiti-Fälle an

Für die einen ist es Kunst, die zum Stadtbild gehört – für andere schlicht Vandalismus. Die Graffiti-Szene wird so intensiv bekämpft wie selten zuvor. Bremsen lässt sie sich bislang nicht. 

Besprühte Eingangstüren im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg.

Besprühte Eingangstüren im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg.

VON GISELA GROSS  (dpa)

In der Nähe der East Side Gallery – einem mittlerweile bunt bemalten Abschnitt der Berliner Mauer – packt Daniel Ihrke seine Farbdosen aus. Der Graffiti-Sprayer hat sich an diesem grauen Wintermorgen einen besonderen Ort zum Malen ausgesucht: die Oberbaumbrücke zwischen den Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg. Würde er bei helllichtem Tag die Brücke besprühen, wäre ihm Ärger sicher. Doch Ihrke bringt selbst mit, was man seine Leinwand nennen könnte: Klarsichtfolie, die er zwischen Bögen auf der Brücke spannt. «So kann man sich andere Kulissen zum Sprayen aussuchen», sagt der 28-Jährige. Fremde Wände und Türen bleiben verschont.

Ihrke hat sich die Folien-Technik vor wenigen Jahren aus Frankreich abgeguckt, wie er erzählt. Fotos zeigen Graffiti im Wald, auf Folie zwischen Bäumen. Auf einem Bahnsteig legte Ihrke selbst mit Folie los und hat seitdem nach eigenen Angaben keine ernsthaften Probleme mit seinen vergänglichen Werken bekommen. Manchmal rücke zwar die Polizei an, belasse es aber bei der Aufnahme der Personalien.

graffiti-spraydose-by-rike-pixelio

Bleibende Schäden durch Graffiti gibt es anderweitig genug: Allein in Berlin sind laut der für Bahnanlagen zuständigen Bundespolizei zwischen Januar und November 1.400 Fälle zur Anzeige gebracht worden. Damit liegen die Werte auf dem Niveau der vergangenen Jahre. Auffällig ist, dass sich der Anteil ertappter Sprayer aus dem EU-Ausland seit 2014 mehr als verdreifacht hat: Sie machen inzwischen rund 35 Prozent aus.

Berlin gehört zu den Hauptstädten der Graffiti-Szene und ist damit ein Ort, an dem sich Sprayer profilieren wollen. Die Zahl der Graffiti-Läden ist hier inzwischen so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland, wie Martin Gegenheimer vom Graffiti-Archiv in Kreuzberg sagt. Schriftzüge, Bilder und Streetart haben sich, gerade im Kreuzberger Wrangelkiez nahe der Oberbaumbrücke, zu einem Anziehungspunkt für Touristen entwickelt.

graffiti-berlin-by-rike-pixelio

Die Deutsche Bahn, die bundesweit pro Jahr acht Millionen Euro an Graffiti-Schäden beklagt, beschäftigt eigene Sicherheitskräfte, die gegen Sprayer ausrücken und verstärkt auf Abstellanlagen auf Streife gehen. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben etwa mit Videoüberwachung und personell aufgerüstet, wie Sprecher Markus Falkner sagt. Das ist begründet: Es gibt Sprayer, die kein Risiko scheuen. Ertappt zu werden, ist noch das geringste.

Schulden können für sie zur dauerhaften Belastung werden. Zivilrechtliche Schadenersatzansprüche bleiben im Fall einer Verurteilung bis zu 30 Jahre bestehen. Zudem kann Sprayen auch Leben und Gesundheit gefährden. Allein in Berlin wurden 2016 mindestens drei junge Männer von Bahnen erfasst. Andere haben psychische Probleme, wie Gegenheimer erzählt: Sie fühlten sich verfolgt, teils aufgrund realer Polizei-Überwachung.

Besonders verschärft hat sich der Umgang mit Sprayern im Ausland: In New York etwa sollte man sich nicht einmal mit Utensilien wie Farbdosen erwischen lassen. Gegenheimer sagt, bereits für ein Graffitivergehen sei in den USA eine Haftstrafe möglich. In Italien analysierten Ermittler die Handys zweier festgenommener Sprayer – und kamen so vier weiteren auf die Spur, wie die Zeitung «La Repubblica» im Herbst berichtete. Die Gruppe hatte in der Mailänder Metro die Notbremse gezogen und Waggons besprüht. Acht Monate danach gab es Durchsuchungen bei mutmaßlichen Beteiligten – auch in Deutschland.

graffiti-liebe-deine-stadt_by_rike_pixelio-de

Vor den Gefahren in U-Bahn-Tunneln haben manche Gruppen zumindest in Berlin offensichtlich keine Angst. Sie sorgen nicht nur mit Farbe für Aufsehen: Im November kippte eine Gruppe säckeweise Herbstlaub in den Waggon einer U-Bahn. Wenige Wochen zuvor wurden S-Bahn-Fenster mit Blumenkästen ausgestattet. Ein weiteres Team, das sich als Kunstkollektiv versteht, richtete ein Schlafzimmer in einem Berliner U-Bahn-Schacht ein. «Das ist kein Spaß», sagt BVG-Sprecher Falkner. «Es bleibt Sachbeschädigung.» Leidtragende seien die Fahrgäste.

Aufnahmen und Videos solch spektakulärer Aktionen haben in Zeiten sozialer Netzwerke an Bedeutung gewonnen. Sprayern reicht heute im Prinzip ein Foto als Nachweis ihrer Aktion. Es kann sich online rasend schnell verbreiten. «Da hat es einen Generationenwechsel gegeben», sagt Gegenheimer. Dass etwa die Bahn besprühte Züge schnell aus dem Verkehr zieht, um den Anreiz des Gesehenwerdens zu nehmen, dürfte für viele Sprayer nicht viel mehr sein als ein Wermutstropfen.

Fotos:  Britta Pedersen / dpa
            Rike / pixelio.de

08.01.2017  wel