Gestohlener Pinguin ist tot – Tier unweit des Tatorts gefunden

Ein Pinguin verschwindet aus dem Tierpark in Mannheim. Der Fall entfacht Diskussionen um standesgemäße Gehege – und um möglichen «Tierraub». Zoos wollen ihren Bestand sichern, die Tiere aber auch nicht wegsperren wie in Fort Knox. Im Fall des gestohlenen Pinguins hat sich die Diskussion jäh erledigt: Er wurde heute Morgen unweit des Tierparks tot gefunden.

Humboldt-Pinguin by Wilfried Wittkowsky wikipedia

Gestohlen und entsorgt? Der aus einem Mannheimer Tierpark gestohlene Pinguin (Verlgeichsfoto) wurde heute tot aufgefunden.

Mannheim (dpa) – Der aus einem Mannheimer Tierpark verschwundene Pinguin ist tot. Das Tier sei heute Morgen unweit des Tatorts Luisenpark leblos gefunden worden, teilt die Polizei mit. Ein Passant habe den Kadaver am Rande eines Parkplatzes entdeckt. Anhand der Marke mit der Nummer 53 sei das Tier als der seit Samstag vermisste Humboldt-Pinguin erkannt worden.

«Offenbar hat sich der Täter an dieser Stelle des Tiers entledigt.  Ob der Pinguin zu diesem Zeitpunkt noch lebte, ist nicht bekannt», heißt es. Das Tier sei ohne Kopf gefunden worden, sagte ein Polizeisprecher. «Einen schlimmeren Ausgang hätte der Vorfall um unseren verschwundenen Pinguin nicht nehmen können», sagt Parkdirektor Joachim Költzsch. «Wir alle, vor allem unsere Tierpfleger, die sich tagtäglich um das Tier gekümmert haben, sind erschüttert. Erschüttert über den Tod, aber auch erschüttert über so wenig Achtung im Umgang mit Lebewesen.»

Die Staatsanwaltschaft Mannheim leitete ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt ein. Der Polizei zufolge wird der Pinguin nun von Tierärzten untersucht. Die Behörden schließen nach wie vor aus, dass der fünf Kilogramm schwere und bis zu 60 Zentimeter große Pinguin von einem Wildtier gerissen oder aus dem Gehege entlaufen sein könnte.

Vermutet wurde organisierter Wildtierhandel 
Experten hatten aus ihrer Erfahrung mit entwendeten Zootieren heraus schon vermutet, dass organisierter kriminellen Wildtierhandel hinter dem Verschwinden des Tiers stecken könnte.
Gestohlene Papageien in Krefeld, geklaute Affen in Magdeburg, verschwundene Bussarde in Berlin: Tierdiebe nehmen aus deutschen Zoos seit Jahren fast alles mit, was kreucht und fleucht. Ein Tierdiebstahl für einen eigenen Privatzoo – das erschien auch in dem Mannheimer Fall durchaus realistisch. Oft stecken reiche Auftraggeber hinter dem illegalen Handel, und die Kanäle führen meist ins Ausland.

«Besonders begehrt sind hochbedrohte Arten, vor allem im Vogel- und Reptilienbereich», sagt Geschäftsführer Volker Homes vom Verband der Zoologischen Gärten (VdZ). Das Profil hätte gepasst – auch der Humboldt-Pinguin gilt als gefährdete Art. Und der Vogel scheint begehrt: Jeweils drei Exemplare wurden 2015 in Dortmund und viele Jahre zuvor in Heidelberg geraubt.

Mit Pinguinen muss man umgehen können.
Christina Schubert, Verein Sphenisco zum Schutz des Humboldt-Pinguins

«Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es die am meisten verbreitete Pinguin-Art in Deutschland ist», sagt Christina Schubert vom Verein Sphenisco zum Schutz des Humboldt-Pinguins. Ohne Aufwand könnten Humboldt-Pinguine im Freigehege gehalten werden. «Dagegen leben in Frankfurt etwa Eselspinguine aus klimatischen Gründen hinter Panzerglas», sagt die Expertin des Tierparks in Landau (Pfalz). Auch sie zweifelte im Fall Mannheim an einem Streich: «Mit Pinguinen muss man umgehen können. Sie sind wehrhaft und können einen verletzen.»

Aus der Stuttgarter Wilhelma verschwand 2010 ein Brillenpinguin. Aufgeklärt ist das bis heute nicht – wie die meisten Fälle. Es gehe oft um organisierte Kriminalität, sagt Homes vom Zoo-Verband. «Über die Täter weiß man nur sehr wenig. Sie zu fassen, ist extrem schwer.» Angesichts der Diebstähle könnten sich die Zoos zusammenschließen und etwa Detektive mit der Suche nach den Tieren beauftragen, schlägt der Krefelder Zoo-Direktor Wolfgang Dreßen vor.

Es gehe um eine Eigeninitiative parallel zur Polizeiarbeit. «Wir sprechen hier schließlich von einem gut organisierten und europaweiten illegalen Tierhandel», sagt Dreßen. Aus seinem Zoo waren unter anderem zwei seltene Hyazinth-Aras (Papageien) und drei Goldene Löwenäffchen gestohlen worden. Auf dem Schwarzmarkt zahlen Interessenten für ein Äffchen schätzungsweise bis zu 30 000 Euro.

Deutschlandweit existiert in Tierparks anscheinend nichts, auf das es Diebe nicht abgesehen haben: So verschwanden in Brandenburg drei Känguru-Babys, in Suhl stahlen Einbrecher eine Würgeschlange und in Bremerhaven einen Flamingo. Neben dem finanziellen und emotionalen Verlust sei das Verschwinden eines Tiers auch immer ein Schlag für den Artenschutz, sagt Alexandra Wind vom Luisenpark in Mannheim.

Die Täter zu fassen, ist extrem schwer.
Volker Homes, Verband der Zoologischen Gärten (VdZ)

Grundsätzlich müssen zwar in Zoos vor allem Menschen vor Tieren geschützt werden. Mit zunehmenden Diebstählen allerdings sehen sich die Parks gezwungen, umgekehrt die Tiere vor Menschen in Sicherheit zu bringen. Betreiber räumen ein, dass lückenlose Überwachung unmöglich ist. Wachdienste kontrollieren meist nur einen Teil der oft unübersichtlichen Gelände, und Alarmanlagen gelten selten als effektiv. Zudem können viele Tiere nachts nicht eingesperrt werden.

«Es kommt immer mal wieder vor, dass jemand nachts in den Zoo gelangt – etwa Jugendliche oder Obdachlose», erzählt Vize-Direktor Clemens Becker vom Zoologischen Stadtgarten in Karlsruhe. Auf dem relativ offenen und zugänglichen Gelände arbeite aber ein Sicherheitsdienst. «Größere Fälle von Vandalismus sind nicht vorgekommen», sagt Becker.

Anderswo wollen Tierparks nachrüsten – etwa in Mannheim. Das sei ein Spagat, sagt Homes vom Zoo-Verband, man wolle die Tiere ja auch nicht «wegsperren wie in Fort Knox». Bisher verlaufen am Gehege Elektrodrähte. «Die schrecken aber weniger Diebe ab als vielmehr Raubtiere wie etwa Füchse», sagt ein Polizeisprecher. Die Betreiber des Luisenparks erwägen nun eine Kameraüberwachung.

Insgeheim hatten sie bis zuletzt gehofft, dass ihr Pinguin mit der Marke Nummer 53 vielleicht doch aus Leichtsinn mitgenommen wurde und wieder auftaucht – lebend, wohlgemerkt. Die Hoffnung wurde heute jäh zerstört.

Vergleichsfoto:  Wilfried Wittkowsky / wikipedia

16.02.2017  wel