Alle Hoffnungen in Rauch aufgelöst

Vietnamesische Zigarettenverkäufer in Berlin: eine Reportage ohne Happy End

Berlin (dv/ddp). Für Berliner im Ostteil der Stadt sind sie ein gewohntes Bild: vietnamesische Männer oder Frauen, die bei jedem Wetter an S-Bahnhöfen und vor Supermärkten stehen und Zigaretten zum Verkauf anbieten. Manche halten den Passanten noch die Ware entgegen, die meisten aber  starren ins Leere und reagieren erst, wenn sie angesprochen werden. Sie haben einen miesen Job und keine Lobby – und sie mussten erfahren, dass sie keine Chance haben.

Der Traum von einem besseren Leben in Deutschland hat sie her geführt. Und das Erwachen ist oft grausam.“ Der das sagt, muss es wissen: Norbert Scheithauer ist Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg und hat täglich mit den Händlern aus Fernost zu tun.

Rund 20.000 Vietnamesen leben schätzungsweise in Berlin. Viele von ihnen halten sich mit dem Verkauf von Zigaretten über Wasser.

Dubiose „Erfolgsgeschichten“
Das hatten sie sich anders erträumt. Es kursieren viele Geschichten vom besseren Leben im Westen. Zum Beispiel die der Vietnamesin aus der «oberen Händlerebene», wie Scheithauer es nennt. Vor kurzem nehmen die Fahnder die 37-Jährige fest. Sie wohnte in einer schicken Altbauwohnung und hatte sich einen Blumenladen gekauft – zur Tarnung und zur Geldwäsche. «Diese Leute fassen die Zigaretten selbst gar nicht mehr an.“

Diese wenigen «Erfolgsgeschichten“ animieren immer mehr Vietnamesen, die Strapazen eines illegalen Lebens in Deutschland auf sich zu nehmen, sagt die Geschäftsführerin des Vereins «Reistrommel», Tamara Hentschel. Seit den 1990er Jahren betreut sie in Berlin lebende Vietnamesen.

«Das Problem ist, das diejenigen, die hier ohne Aufenthaltsgenehmigung sind, keiner geregelten Arbeit nachgehen können.» Um überleben zu können, verkaufen viele von ihnen Zigaretten. Manche bleiben für immer in der Illegalität. «Andere geben auf und gehen zurück.»

Im Dschungel der Großstadt
Diejenigen, die in Berlin bleiben, leben räumlich extrem bedrängt, schlafen auf Matratzenlagern, haben selten Möbel. Zudem müssen sie einen Teil ihres schmalen Verdienstes als «Standgeld» für ihren Straßenplatz zahlen, erklärt  Fahnder Scheithauer. In den 1990er Jahren wurde die Problematik erstmals öffentlich, als sich Schutzgelderpresser heftige Auseinandersetzungen lieferten und zum Teil auf offener Straße hingerichtet wurden.

Etwa 330 Millionen Zigaretten wechseln pro Jahr allein in Berlin illegal den Besitzer, etwa 16,5 Millionen Stangen. Meist sind es die gelb verpackten «Jin Ling», eine Marke, die ausschließlich für den illegalen Markt produziert wird. Obwohl «Jin Ling» nicht beworben werden darf und nur unter der Hand vertrieben werden, ist die Marke nach Expertenangaben auf Platz acht der meistgerauchten Zigaretten in Deutschland.

Was für ein mieses Geschäftsmodell!
Eine Russin kaufte einst die chinesische Marke und lässt sie mittlerweile an drei Standorten herstellen – völlig legal. In den Werken im russischen Kaliningrad (Königsberg), in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau, und im polnischen Dorohusk laufen die Maschinen 24 Stunden am Tag, ohne Pause. Nur zu Ostern und zu Weihnachten stehen die Bänder still.

Die Herstellung einer Schachtel kostet 12 Cent, der Straßenverkäufer in Berlin nimmt zwischen 1,80 und 2 Euro. Von der riesigen Gewinnspannen bleiben ihm freilich nur eine Handvoll Cents.

Eines wenigstens haben die Fahnder geschafft: Seit einigen Jahren gibt es kaum noch Streitigkeiten mit tödlichem Ausgang in der Szene, und auch die Zahl der Handelsplätze wurde von rund 1000 in den 1990er Jahren auf etwa 350 in Berlin reduziert. Doch die Menge der verkauften Zigaretten ist nahezu gleich geblieben. Die Bilanz des Zollfahnders klingt fast ein wenig resigniert: «Solange die Nachfrage besteht, werden die Händler immer neue Wege finden.»

04.07.2010 dv