Alles sauber? Offenbar nicht

Razzia bei Reinigungsfirmen wegen Schwarzarbeit

Ihre Arbeitnehmer sorgten für blitzblanke Büroräume und leere Papierkörbe. Doch in den Büchern eines Reinigungsunternehmens soll es weniger sauber zugegangen sein.

Zollbeamte tragen leere Kartons zum Transport von sichergestelten Beweismitteln ins Gebäude einer Reinigungsfirma.

VON EVA KRAFCZYK
Noch ist der Lastwagen der Bundespolizei vor dem Gebäude eines Reinigungsunternehmens in Frankfurt leer. Doch im Inneren des Gebäudes sichten Zollbeamte und Polizisten Unterlagen, werden Computer in einer Reihe auf dem Korridor aufgestellt. Zöllner schleppen faltbare Umzugskartons, um das umfangreiche Beweismaterial zu beschlagnahmen, das bei einer Großrazzia von Zoll und Polizei sichergestellt wird. Die Durchsuchungen laufen nicht nur in einem Frankfurter Gewerbegebiet, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat, sondern auch in anderen Geschäftsräumen und Privatwohnungen.

Insgesamt 50 Objekte wurden am Dienstagmorgen im Rhein-Main-Gebiet, in Köln und der Umgebung von Passau untersucht. «Heute ist ein großer Schlag gegen illegale Schwarzarbeit gelungen», erklärte Christine Straß, Sprecherin des Hauptzollamts Frankfurt. Acht Hauptverdächtige seien festgenommen worden. Insgesamt werde gegen eine Gruppe von 20 Menschen ermittelt. Durch die Schwarzarbeit soll ein Steuerschaden von mehr als neun Millionen Euro, etwa durch nicht gezahlte Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge, entstanden sein.

Acht Festnahmen 
Der Hauptschwerpunkt der Aktion lag bei einem Unternehmen mit Sitz in Frankfurt. Bei den festgenommenen Hauptverdächtigen handelt es sich um sechs Männer und zwei Frauen im Alter von 25 bis 65 Jahren. An den Durchsuchungen waren mehr als 550 Einsatzkräfte beteiligt, darunter eine Spezialeinheit des Zolls.

Ein Teil der aufgrund von Haftbefehlen der Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Darmstadt Festgenommenen soll seit dem Jahr 2015 in dem Frankfurter Reinigungsunternehmen Personal illegal beschäftigt haben.

«Abgeschottet und höchst konspirativ» 
Gleichzeitig soll das Unternehmen fast 40 Millionen Euro Umsatz durch Aufträge der öffentlichen Verwaltung erwirtschaftet haben. Um die Schwarz-Lohnzahlungen zu verschleiern, sollen Scheinrechnungen angeblicher Subunternehmen verbucht worden sein. Sie belaufen sich auf mehr als 16 Millionen Euro. Dafür sei aber nie eine Arbeitsleistung erbracht worden, heißt es. Der Zoll spricht bei diesem Vorgehen von «Kettenbetrug». Illegale Strukturen in Bau- und Reinigungsbranche seien der Organisierten Kriminalität zuzurechnen, sagt Behördensprecherin Straß. «Die arbeiten abgeschottet und höchst konspirativ.»

Ein Polizist inspiziert den Lagerraum eines Reinigungsunternehmens.

Unter den Festgenommenen befinden sich auch Betreiber von Service-Firmen, die solche Scheinrechnungen in Rechnung stellten – offenbar nicht nur an das Reinigungsunternehmen, das nun im Zentrum der Ermittlungen steht. Der Verdacht besteht, dass Scheinrechnungen in Höhe von mehr als 27 Millionen Euro an zahlreiche verschiedene Abnehmer verkauft worden seien, erklärt der Zoll.

Goldbarren, Bargeld und Luxusautos 
Für die Verantwortlichen des mutmaßlichen Schwarzarbeiter-Rings, der auch europaweit agiert haben soll, dürfte sich das Geschäft gelohnt haben: Bei den Durchsuchungen sicherten die Ermittler nicht nur Dokumente, Rechner und Mobiltelefone, sondern auch Vermögenswerte. So wurden Konten gepfändet und Goldbarren, Bargeld und mehrere Luxusautos sichergestellt. Insgesamt seien «Vermögensarreste» der Amtsgerichte Frankfurt und Darmstadt in Höhe von mehr als 24 Millionen Euro vollstreckt worden, heißt es. Auch eine Schusswaffe, größere Mengen Munition und weitere verbotene Waffen wurden bei den Durchsuchungen gesichert.

Von all dem ahnt der Mann, der auf den Parkplatz fährt und überrascht auf die zahlreichen Einsatzfahrzeuge von Polizei und Zoll reagiert, nichts. Was er denn hier wolle, fragt ein Polizist. «Na, arbeiten!», sagt der verdutzte Mann, der erst einmal seinen Ausweis zeigen soll. Vom Parkplatz aus ist der Kellereingang zu sehen, wo Putzwagen und -eimer für Reinigungstrupps bereitstehen. Nun ist aber erst mal das Großaufräumen der Ermittler angesagt.

Fotos: Boris Roessler / dpa

30.04.21 wel