Attacke unter der Dusche

Studie über Verhältnisse in Gefängnissen veröffentlicht

Hannover (dapd-nrd). Schläge im Hof, Vergewaltigungen in der Gemeinschaftsdusche: Gewalt gehört in deutschen Gefängnissen offenbar zum Alltag. Laut einer am Donnerstag in Hannover veröffentlichten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wird mehr als ein Viertel aller Insassen im Laufe eines Monats körperlich angegriffen. Bei den Jugendlichen war es sogar fast jeder zweite. Christian Pfeiffer, Leiter des Forschungsinstituts, spricht von Horrorquoten“ und fordert Konsequenzen.

25,7 Prozent aller männlichen Befragten und 25,6 Prozent aller weiblichen Befragten gaben demnach an, innerhalb der letzten vier Wochen im Gefängnis Opfer physischer Gewalt geworden zu sein. Bei den Jugendlichen waren es 49 Prozent. Für die Untersuchung waren 6.384 Häftlinge in 33 Gefängnissen in Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen anonym über Fragebogen befragt worden.

Vorfälle werden nicht angezeigt
Die Tatorte für körperliche Übergriffe liegen laut Studie insbesondere in den Hafträumen oder den Duschen. Jugendliche Opfer nannten zudem Wohngruppenbereiche als Tatorte. Dass die Jugendlichen dort sich selbst überlassen seien, sei offenbar „gefährlich“, sagt Pfeiffer. Die Wahrscheinlichkeit, im Jugendvollzug innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, liege bei sieben Prozent. „Das ist eine Horrorquote. Wir haben ja nicht nach einem Jahr gefragt“, so Pfeiffer.

Wenn es zu Übergriffen kommt, werden der Studie zufolge oft keine Anzeigen gestellt. Als Hauptgrund nannten die Gefangenen in der Befragung, dass sie nicht als „Verräter“ gelten wollten. Nur wenige Häftlinge gaben zudem an, dass sie in der Anstalt von Bediensteten beschützt werden. Mehr als 25 Prozent sahen sich hingegen durch Mitgefangene geschützt. „Offenbar ist es wie im Kinofilm, dass es Knastkönige gibt“, sagt Pfeiffer.

Justizminister nimmt´s gelassen
Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) reagiert gelassen auf die Studie: „Ein Knast ist eben keine Mädchenpension“. Der CDU-Politiker hatte die Studie des Kriminologischen Forschungsinistituts selbst mit in Auftrag gegeben. Die nun vorgestellten Ergebnisse könne er „gut akzeptieren“, da vieles der vorgeschlagenen Konsequenzen in den niedersächsischen Gefängnissen bereits umgesetzt sei. Im geschlossenen Männervollzug seien etwa 88 Prozent der Häftlinge inzwischen einzeln untergebracht.

Pfeiffer zufolge sind sowohl der bauliche Zustand als auch die Anstaltskultur entscheidend für die Anzahl der gewalttätigen Übergriffe. Eine niedrige Quote hätten vor allem die Gefängnisse zu verzeichnen, die den Häftlingen vom ersten Tag an Vergünstigungen einräumen, gleichzeitig aber eine „strikte Kultur des Hinschauens“ praktizieren und bei Verstößen Vergünstigungen zurücknehmen. Als Konsequenzen fordert Pfeiffer unter anderem Kameraüberwachungen in Innenhöfen sowie eine Reduzierung der Überbelegungen.

17.08.2012 Ta