Auf der Straße ungeschützter

Immer mehr Obdachlose werden Gewaltopfer

Sie müssen auf der Straße leben und schlafen. Auch in Bayern leben viel zu viele Menschen als Obdachlose. Immer häufiger werden sie Opfer von Straftaten. Das hat viele Gründe.

Ein Obdachloser liegt – in Decken und Planen eingehüllt – auf dem Bürgersteig neben der Heiliggeistkirche im Herzen von München.

München (dpa) – Bayerns Obdachlose werden immer häufiger Opfer von gewalttätigen Angriffen. Zwischen 2014 und 2020 haben sich die von der Polizei registrierten Gewalttaten auf offener Straße mehr als verdoppelt: von 134 auf 307 Fälle. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Parlamentsanfrage von Markus Rinderspacher (SPD) hervor. Der Großteil fällt demnach in den Bereich der sogenannten Rohheitsdelikte – 2020: 288 Fälle, 2014: 126 Fälle. Dazu zählen etwa räuberische Erpressung, Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Stalking, Geiselnahme und Menschenhandel.

Im gleichen Zeitraum habe zudem der prozentuale Anteil der Opfer, die mit dem Täter bekannt oder verwandt waren, deutlich zugenommen: Waren es 2014 noch 42,4 Prozent, lag der Anteil 2020 bei 55,2 Prozent.

Konsequente Strafverfolgung nötig 
«Es ist erschreckend, dass sich die gesellschaftliche Abwertung von sozial ausgegrenzten Obdachlosen in immer mehr gewaltsamen Hassverbrechen bemerkbar macht», sagt Rinderspacher. Die Statistik zeige sicher nicht das ganze Ausmaß der Gewalt an Menschen ohne Wohnung. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Es brauche daher eine konsequente Strafverfolgung. «Wer mangels eigener Schutzräume die Straße zum Schlafen nutzen muss, hat kaum Möglichkeiten, sich vor Diebstahl, Übergriffen oder Gewalt zu schützen.

Die Ursachen für den Anstieg können den Angaben des Innenministeriums zufolge nicht aus den Zahlen abgeleitet werden. «Einen Einfluss auf diese Entwicklung könnte jedoch die Zunahme obdachloser Personen etwa aufgrund steigender Mieten und einer Verknappung des Wohnraums haben», heißt es in der Antwort.

Keine Wohnungslosenstatistik
Zudem sei nicht auszuschließen, dass eine zunehmende Wahrnehmbarkeit obdachloser Personen «zu einer gesteigerten sozialen Kontrolle bzw. zivilcouragierten Unterstützung dieser Personengruppe durch Dritte» führe. Dadurch werde die Polizei häufiger zu Konfliktbereinigungen herbeigezogen und die Straftaten dadurch statistisch erfasst.

Rinderspacher kritisiert zudem, dass der Freistaat keine Wohnungslosenstatistik führe, mit der Unterstützungsbedarf konkreter erkennbar würde. Neben geschützten Notübernachtungsstellen und dem Ausbau von Präventionsangeboten brauche es eine Umkehr in der Wohnungspolitik: «Nur der Ausbau des sozialen Wohnungsbaus und eine mieterfreundliche Politik bewahrt Menschen vor dem Verlust ihrer Wohnung. Hygiene, Wärme, Privatsphäre und der Schutz vor Gewalt sind Grundbedürfnisse, die allen Menschen zustehen», sagt Rinderspacher.

Sicherheit durch Polizeipräsenz 
Nach Angaben des Innenministeriums versucht die Polizei bereits jetzt durch mehr Präsenz an Orten, die von Obdachlosen bevorzugt werden, die Sicherheit zu erhöhen. Ferner gebe es verschiedene Hilfs- und Beratungsangebote für Betroffene.

Foto:  Peter Kneffel / dpa

03.05.21 wel