Axt-Angriff im Regionalexpress

Vor 5 Jahren: Der IS-Terror erreicht Deutschland

Vor fünf Jahren verüben IS-Anhänger erstmals Terroranschläge auf deutschem Boden. Doch noch immer sind Fragen offen: In welche Schublade passen die Attentäter von Würzburg und Ansbach? Extremisten mit radikalen Hirngespinsten? Und wie viele laufen noch frei herum? 

Eine Rettungsdecke und Verbandmaterial liegen auf dem Boden des Regionalzugs. Ein Mann hat in dem Zug Reisende mit Messer und Axt angegriffen. Fünf Menschen wurden lebensgefährlich verletzt.

Von ANGELIKA RESENHOEFT und MICHAEL DONHAUSER  (dpa)
«Ich habe gestern Abend geweint.» Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt wird emotional, als er sich nach der tödlichen Messerattacke eines Flüchtlings an die Bürgerinnen und Bürger seiner Stadt wendet. «Die Bilder, der Täterhintergrund, der mögliche Ruf ‚Allahu Akbar‘ – Gott ist am Größten – wecken Parallelen», schreibt der CDU-Politiker am 26. Juni in einem offenen Brief. Einen Tag zuvor hat ein junger Mann aus Somalia in Würzburg auf mehrere Menschen eingestochen. Drei Frauen starben, fünf Menschen erlitten lebensgefährliche Verletzungen.

Bei Schuchardt und bei vielen Würzburgern ruft die Bluttat in der Innenstadt sofort Erinnerungen an den 18. Juli 2016 wach. Ein 17 Jahre alter Flüchtling geht damals in einem Regionalzug in Würzburg mit Axt und Messer auf eine Urlauberfamilie aus Hongkong los. Später greift er noch eine Passantin an – fünf Menschen werden verletzt. Der Täter kennt seine Opfer nicht.

Diskussion über Asylproblematik befeuert
Es ist der erste Anschlag eines Anhängers der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf deutschem Boden. Der Angreifer mit Wurzeln in Afghanistan wird von der Polizei erschossen. Nur sechs Tage später, am 24. Juli, kommt es keine 100 Kilometer weiter, in Ansbach, zum ersten islamistischen Selbstmord-Attentat in Deutschland.

Der Terror der Dschihadisten – wenngleich kein völlig neues Phänomen mehr für die Sicherheitsbehörden – ist endgültig in der Bundesrepublik angekommen. Die politische Debatte, wegen der damals hohen Flüchtlingszahlen aus dem Irak und Syrien ohnehin heftig, wird neu befeuert.

Anti-Terror-Paket 
Die Politik hatte schon kurz zuvor die Gesetzeslage verschärft. Schon im Juni 2016 wurde mit den Stimmen der damaligen großen Koalition ein Anti-Terror-Paket verabschiedet. Beim Kauf von Prepaid-Telefonkarten ist seitdem ein Identitätsnachweis notwendig. Bei Terrorverdacht können Daten von Jugendlichen schon ab 14 Jahren gespeichert werden.

Dem Bundesamt für Verfassungsschutz wurden weitere Befugnisse erteilt, insbesondere beim Austausch von Daten mit Partnerdiensten in EU und Nato. Die Bundespolizei darf – wie zuvor schon die Länderpolizeien – verdeckte Ermittler einsetzen. 2017 kam das Fluggastdatengesetz dazu:  Fluggesellschaften müssen die Daten ihrer Passagiere an eine Stelle beim Bundeskriminalamt melden.

Heikles Thema: Konsequenzen 
«Die Bundesrepublik Deutschland war auch bereits vor den beiden Anschlägen in Würzburg und Ansbach im Jahr 2015 nach übereinstimmender Einschätzung der Sicherheitsbehörden ein potenzielles Ziel dschihadistisch motivierter Gewalt», resümiert das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) heute.

Ob man aus den Anschlägen gelernt hat, ob die Sicherheitsbehörden Schlüsse gezogen haben, ihre Taktik geändert, ihren Fokus justiert – darüber schweigen sie in der Öffentlichkeit. Zu heikel scheint das Thema, zu groß die Gefahr, dass durch jede Äußerung die potenzielle Gefahr von Nachahmern noch weiter geschürt werden könnte.

Terror auch in der Provinz 
Laut Polizeipräsidium Unterfranken werden auch die Streifenpolizisten in der Provinz seit 2016 besser trainiert – auch wenn der «Umgang mit lebensbedrohlichen Einsatzlagen» seit jeher Schulungsinhalt ist. Aus den Vorfällen von Würzburg und Ansbach hat man gelernt, dass Terror nicht nur ein Phänomen von Ballungsräumen mit großem Symbol-Charakter wie New York oder Paris ist, sondern auch in kleineren Orten eine Rolle spielen kann.

Klar ist, spätestens seit 2016 haben die Behörden verstärkt auch mögliche Einzeltäter – «Einsame Wölfe» genannt – im Blick. Doch die sind nach Worten des deutschen Terrorismusforschers Peter Neumann vom King’s College London schwer zu erkennen. Denn sie sind weniger deutlich in operative Netzwerke eingebunden. Einzeltäter seien zudem für psychische Probleme anfällig, unabhängig von der Ideologie. «Doch bei leichteren Persönlichkeitsstörungen schließen sich Extremismus und psychische Vorbelastung nicht gegenseitig aus», so Neumann auf Twitter nach der Messer-Attacke in Würzburg. «Mehr noch: Sie können sich ergänzen – eventuell sogar verstärken.»

«Islamistisches Personenpotenzial» kontinuierlich gestiegen
Das Bundesamt für Verfassungsschutz listet seit Februar 2016 insgesamt zehn islamistisch motivierte Anschläge in Deutschland auf. Das «islamistische Personenpotenzial», das die Verfassungsschützer im Visier haben, ist seitdem kontinuierlich gestiegen, von 2019 auf 2020 noch einmal um 2,5 Prozent auf 28.715 Menschen. 1.070 Menschen seien aus islamistischer Motivation heraus nach Syrien oder in den Irak gereist. Ein Drittel davon ist inzwischen wieder in Deutschland.

Bei der jüngsten Gewalttat in Würzburg besteht zumindest der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund, wenngleich dieser nicht erwiesen ist. Die drei Frauen, die der 24 Jahre alte Somalier tötete, waren ihm offensichtlich unbekannt. Zeugen wollen während der Attacke zweimal den Ausruf «Allahu Akbar» gehört haben. Die Polizei hält es für möglich, dass der Flüchtling islamistisch motiviert war, aber auch eine psychische Erkrankung wird nicht ausgeschlossen. Ein Gutachten steht noch aus. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft.

Rache an „Ungläubigen“ 
Fünf Jahre zuvor war die Motivlage klarer. Der Zug-Attentäter hatte in einem Video angekündigt, sich an «Ungläubigen» für das Leid zu rächen, das sie seinen Glaubensbrüdern antäten. Die Terrormiliz IS reklamierte den Anschlag für sich. In Ansbach war es ein suizidgefährdeter Flüchtling, der eine Bombe in seinem Rucksack zündete. Der 27-Jährige starb, 15 Menschen wurden verletzt. Der IS behauptete, der Syrer sei einer ihrer Krieger gewesen.

Für Betroffene und Hinterbliebene hat es weniger Bedeutung, warum es zur Tat kam. Auch für die Opfer des Angriffs in der Regionalbahn steht fünf Jahre danach das Motiv des Täters nicht mehr so im Fokus. «Es geht ihnen erstaunlich gut, aber es sind noch deutliche Restbestände von psychischen und körperlichen Schäden da», erzählt Hans-Peter Trolldenier von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg. Er steht seit dem Anschlag in regelmäßigem Kontakt mit den Chinesen. «Ob das jemals so ganz verschwinden wird, das kann man nicht sagen.»

Archivfoto:  picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand / dpa

19.07.21 wel