Auto rast in Klassenausflug

Lehrerin tot, Kollege und Schüler schwer verletzt

Ein Mann rast in Berlin in eine Gruppe aus Schülern und Lehrern, die auf Klassenfahrt in der Hauptstadt sind. Schnell wird klar, dass es kein Verkehrsunfall war. Auch ein extremistischer Anschlag gilt als unwahrscheinlich. Der Täter soll psychisch gestört sein.

Berlin, Tauentzienstraße: Gegenüber der Gedächtniskirche ist der Wagen in eine Menschengruppe gefahren und schließlich in das Schaufenster eines Parfümerie-Geschäfts.

Berlin (dpa) – Der tödliche Vorfall mit einem Auto am Berliner Ku’damm wird von Bundes- und Landesregierung als «Amoktat» eingestuft. Nach Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (beide SPD) heute Morgen entsprechend: «Das hat sich gestern Abend verdichtet», sagte Giffey im RBB-Inforadio. Durch die Ermittlungen der Polizei sei klar geworden, «dass es sich um die Amoktat eines psychisch schwer beeinträchtigten Menschen handelt». Auch Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hatte sich gestern Abend bei Twitter so ausgedrückt.

Die Berliner Polizei nutzte den Begriff «Amoktat» hingegen zunächst bewusst nicht. Ein Polizeisprecher sagte heute dazu: «Es gibt Tendenzen in diese Richtung, wir legen uns da aber noch nicht fest. Ermittelt wird weiterhin in alle Richtungen.» Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik hatte sich gestern Abend bereits ähnlich geäußert.

Gedenken an Opfer in Gedächtniskirche 
Im Berliner Landeskriminalamt (LKA) ist eine Mordkommission für den Fall zuständig, nicht der Staatsschutz, der sich um politisch motivierte Kriminalität von Extremisten kümmert. Das gibt einen Hinweis darauf, wie die Polizei den Fall nach den ersten Erkenntnissen einstuft.

Bei seiner Tat tötete der Fahrer gestern Vormittag eine Lehrerin aus Hessen und verletzte 14 Menschen, vor allem aus der dazugehörigen Schülergruppe. Der Fahrer – ein 29 Jahre alter, in Berlin lebender Deutsch-Armenier – wurde gefasst und zunächst in ein Krankenhaus gebracht. Inzwischen hat er die Klinik wieder verlassen und befindet sich im Polizeigewahrsam.

Anhaltspunkte für psychische Erkrankung
Gestern Nachmittag wurde unter anderem auch die Wohnung des Fahrers in Charlottenburg von der Polizei durchsucht. Der Mann soll der Polizei bereits wegen mehrerer Delikte bekannt gewesen sein, jedoch nicht in Zusammenhang mit Extremismus. Ermittlungen gab es wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung. Die Schwester des Verdächtigen sagte einem Zeitungsreporter: «Er hat schwerwiegende Probleme.» Nachbarn äußerten sich der Zeitung zufolge erstaunt, «dass er zu so einer Tag fähig ist.»

Giffey sagte heute Morgen über den Täter, mit Hilfe eines Dolmetschers werde versucht, mehr «aus den teilweise wirren Äußerungen, die er tätigt, herauszufinden». Ob Plakate mit Bezug zur Türkei, die in dem Tatfahrzeug des Deutsch-Armeniers lagen, eine Rolle gespielt hätten, werde noch ermittelt. Sie sprach von einem «dunklen Tag in der Berliner Stadtgeschichte».

Im Laufe des Tages äußerte sich auch die Berliner Staatsanwaltschaft zur Todesfahrt. Man gehe von einer vorsätzlichen Tat aus. Allerdings habe sich erhärtet, dass eine psychische Erkrankung – vermutlich eine paranoide Schizophrenie – Anlass für die Tat gewesen sei, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Sebastian Büchner. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Fahrers seien Medikamente gefunden worden.

Vorwurf: Mord und versuchter Mord in 17 Fällen
Es gebe keine Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund. «Aber auch ein Unfall wird sich vor diesem Hintergrund ausschließen lassen», so Büchner. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Unterbringung des Fahrers in einer psychiatrischen Anstalt. Dem Antrag wurde heute Nachmittag durch das Amtsgericht Tiergarten entsprochen.  Dem 29-Jährigen wird ein vollendeter Mord vorgeworfen und in 17 Fällen versuchter Mord sowie gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Die Mordmerkmale seien Heimtücke und Begehung mit gemeingefährlichen Mitteln.

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft von versuchtem Mord in 31 Fällen gesprochen. Nach jüngsten Angaben der Behörde wurden bei der Todesfahrt am Mittwoch neben der toten Lehrerin 32 Menschen verletzt, davon 17 schwer. Dazu zählen laut Staatsanwaltschaft 7 Jugendliche der Schulklasse, ihr Lehrer sowie 9 Passanten.

Schüler im Hotel psychologisch betreut
Die Notfall-Pläne zum koordinierten Einsatz aller Rettungskräfte und der psychosozialen Betreuung der Opfer hätten gestern «vorbildich gegriffen», sagte Giffey. Umgesetzt worden sei, was nach dem islamistischen Terroranschlag 2016 «als Notfall- und Aktionsplan erarbeitet worden ist». Gestern sei auch begonnen worden, ein Koordinierungsteam einzusetzen für die Opferhilfe.

Von den 24 Schülern der 10. Klasse aus Bad Arolsen in Hessen liegen sieben im Krankenhaus, sagte Giffey. Insgesamt seien sechs Menschen lebensgefährlich und drei weitere schwer verletzt worden. Darunter ist auch ein weiterer Lehrer. Die unverletzten Jugendlichen wurden in ihrem Hotel von Berliner Schulpsychologen betreut. Gestern noch seien Eltern der Jugendlichen zusammen mit Schulpsychologen aus Hessen mit einem Bus angereist.

»Können nicht ganzen Ku’damm abpollern» 
Als nächster Schritt folge die rechtliche und finanzielle Unterstützung zusammen mit der Opferhilfe und der hessischen Landesregierung. Giffey habe in der Nacht noch mit dem hessischen Ministerpräsidenten gesprochen.

Zu möglichen Schutzmaßnahmen durch Poller an Straßen sagte Giffey, zu Wahrheit gehöre auch, «dass wir nicht die ganze Stadt abpollern können und auch nicht den ganzen Ku’damm abpollern können». Die Behörden untersuchten aber, was zur Sicherheit zusätzlich möglich sei.

In der Nähe der Berliner Gedächtniskirche hatte der Autofahrer die Schulklasse erfasst und ihre Lehrerin in den Tod gerissen. Ein Lehrer wurde schwer verletzt. Die Gruppe war auf einer Klassenfahrt in der Hauptstadt unterwegs. In dem Wagen, den der 29 Jahre alte, in Berlin lebende Deutsch-Armenier fuhr, wurden neben Schriftstücken auch Plakate mit Aufschriften gefunden. «Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht», sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) gestern.

Passanten halten Amokfahrer fest 
Der Fahrer des Wagens wurde festgenommen. Er war zunächst von Passanten festgehalten worden, nachdem er seinen Wagen in das Schaufenster eines Parfümerie-Geschäfts gelenkt hatte. Nach dpa-Informationen gehört das Auto seiner älteren Schwester, bei der er wohnt.

Der Vorfall am Mittwoch spielte sich nach bisherigem Stand so ab: Der Mann fuhr den Renault-Kleinwagen am späten Vormittag an der Straßenecke Ku’damm und Rankestraße auf den Bürgersteig des Ku’damms und in die Menschengruppe. Dann fuhr er auf die Kreuzung und knapp 200 Meter weiter auf der Tauentzienstraße Richtung Osten. Kurz vor der Ecke Marburger Straße lenkte er den Wagen erneut von der Straße auf den Bürgersteig, touchierte ein anderes Auto, überquerte die Marburger Straße und landete im Schaufenster des Parfümerie-Geschäfts.

Die Polizei war nach eigenen Angaben mit circa 130 Kräften im Einsatz. Mit einem Hubschrauber verschafften sich die Beamten einen Überblick aus der Luft. Die Feuerwehr war mit 100 Kräften am Einsatzort. Das Areal war großflächig abgesperrt.

Beweissicherung bis in den späten Abend 
Auch Stunden nach dem Vorfall sicherte die Polizei vor Ort noch Beweise. Die Untersuchungen vor Ort werden heute fortgesetzt. Auch das sichergestellte Auto soll noch einmal «intensiv durchsucht» werden, so ein Polizeisprecher. Die Polizei bat Zeugen, sich zu melden und auch mögliche Videos und Fotos der Tat an eine Internetseite der Polizei zu schicken.

Die Gegend, in der sich der tödliche Vorfall ereignete, ist wegen der vielen Geschäfte, Cafés und Sehenswürdigkeiten meist sehr belebt. Sie ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus dem In- und Ausland.

Foto:  Fabian Sommer / dpa

09.06.22 wel