«Das tut in der Seele weh»

Vandalismus gehört zum Kirchenalltag

Diebstähle, Graffiti, Vandalismus – das kann auch Kirchen treffen. Mitunter ist der ideelle Schaden höher als der materielle. Besonders zu kämpfen hat Deutschlands größte Kathedrale.

Gruß aus Bolivien – respektlos hingekritzelt am Treppenabgang im Kölner Dom. Vandalismus in Kirchen – keine Seltenheit mehr, sozusagen «urbane Normalität».

VON CHRISTOPH DRIESSEN  (dpa)
Die Außenfassade des Kölner Doms ist mit Tausenden von Figuren geschmückt – überlebensgroßen und fingerkleinen. Putzig sind die winzigen Dämonen über den Eingangsportalen. Bei vielen fehlt allerdings der Kopf: «Es ist vorgekommen, dass Touristen die mit ihren Regenschirmen abgeschlagen haben, um ein Andenken mit nach Hause zu nehmen», berichtet Dombaumeister Peter Füssenich. Damit kann dann die monatelange Arbeit eines Steinmetzen zunichte gemacht sein: «Das tut schon in der Seele weh.»

Vandalismus ist für die größte und bekannteste deutsche Kathedrale ein Riesenproblem. Doch auch kleine Kirchen bleiben nicht unbedingt verschont: In Großholbach im Westerwald rissen Unbekannte im Mai in der katholischen Dreifaltigkeitskirche eine Jesus-Figur vom Kreuz und brannten die Augen an.

Metalldiebe bedienen sich am Altar  
Häufiger als solch blinde Zerstörungswut ist Diebstahl. So entwendeten Unbekannte im Mai ein Altarkreuz aus Bronze aus der Kaiserslauterner Stiftskirche  (e110 berichtete). Der Fall sei einer von mehr als 100 angezeigten Diebstählen, die jedes Jahr in Kirchen in Rheinland-Pfalz begangen werden, teilt die Polizei mit. Sie spricht von «äußerst geringen Fallzahlen». Die Täter hätten es fast ausnahmslos auf Metall abgesehen. Der ideelle Schaden sei wohl mitunter höher als der materielle, etwa bei Sakral-Ggegenständen mit großer emotionaler Bedeutung für die Gemeinde, meint Judith Rupp vom Bistum Trier.

«Wir können sagen, dass die Zahl der Fälle erfreulich gering ist», sagt Jens Peter Iven von der Evangelischen Kirche im Rheinland. «Das hat zwei Gründe: Traditionell sind evangelische Kirchen außerhalb der Gottesdienst- und Veranstaltungszeiten zumeist verschlossen. Und zweitens: Dort, wo sie zu bestimmten Zeiten verlässlich geöffnet sind, ist dann in aller Regel jemand als Ansprechperson anwesend und hat auch im Blick, was in der Kirche passiert.»

«Urbane Normalität» 
Hagen Pietzcker von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg bestätigt: «Das ist kein nennenswertes Phänomen. Wir haben an unseren innerstädtischen Kirchen immer mal wieder Graffiti, das weicht aber nicht ab von anderen öffentlichen Gebäuden, sozusagen urbane Normalität.»

Ganz anders beim Kölner Dom: «Vandalismus ist hier ein weitgefächertes Problem», erläutert Dombaumeister Füssenich. «Es fängt an mit kleinen Dingen wie Verunreinigungen.» Nicht nur zu Karneval benutzen Männer die vielen Ecken der Kathedrale als Urinal – und tragen damit zur Zersetzung des jahrhundertealten Steins bei. «Die Dombauhütte beschäftigt eigens einen Mitarbeiter, der jeden Tag nichts anderes macht, als einmal den ganzen Bereich um den Dom herum zu säubern. Wir haben einen weiteren Mitarbeiter, der alle Graffiti sofort entfernt – denn wenn eins da ist, kommt das nächste in kürzester Zeit.»

Mit Frittentüte und Coffee-to-Go 
Jeden Tag strömen etwa 30.000 Besucher durch den Dom. Füssenich: «Wir stellen mehr und mehr fest, dass die Menschen mit unveränderter Haltung aus der Einkaufszone in den Dom gehen, mit einer Frittentüte oder einem Kaffeebecher in der Hand.» Die Schwelle vom Profanen zum Sakralen bestehe für diese Besucher nicht mehr. Deshalb hätten die Domschweizer – die Ordnungshüter – immer alle Hände voll zu tun. Es gibt sogar Leute, die mit dem Fahrrad in den Dom kommen und es dort mit einer Kette abschließen.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer führt dieses Verhalten auf eine veränderte Grundhaltung zurück. «Ich erinnere mich noch an die 50er Jahre, als man wie auf Zehenspitzen durch die Kirchen lief und nur im Flüsterton sprach. Das ist heute für viele Menschen ganz anders.» Das Heilige habe sich für sie verflüchtigt, die meisten Menschen in Deutschland stünden der Kirche mit einer gewissen Distanz gegenüber.

Ziel: Schock-Effekt 
Einem kirchenfernen Menschen muss es noch lange nicht an Respekt mangeln. Wenn aber zum Beispiel betrunkene Randalierer mit ihrem Vorgehen eine Wirkung erzielen wollten, dann gäben Kirchen ein nahe liegendes Ziel ab, meint Pfeiffer: «Denn damit lässt sich ein großer Schockeffekt erzielen.»

Am Kölner Dom will man jedenfalls Konsequenzen ziehen: Nachdem das Nordportal mit seinen filigranen Skulpturen in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert worden ist, soll es nach der Fertigstellung im kommenden Jahr mit einem Gitter abgesperrt werden.

Foto:  Henning Kaiser / dpa

07.07.19 wel