Der Taxler als Opfer

Immer wieder sind sie Objekte von Aggressionen - ein Österreicher hat selbst über die Auswirkungen recherchiert

Berlin (dv). Die Meldung kommt aus Berlin:

Ein Taxifahrer ist in der Nacht zu Montag in Schöneberg von zwei Fahrgästen überfallen worden. Als der Fahrer die beiden 20- bis 25-jährigen Männer in den Willmanndamm chauffiert hatte, würgte der hinten sitzende Fahrgast den 38-Jährigen, wie die Polizei mitteilte. Der auf der Beifahrerseite sitzende zweite Fahrgast griff sich die Geldbörse mit den Tageseinnahmen sowie ein Navigationsgerät. Dann flüchteten beide Täter. Der Taxifahrer blieb unverletzt. Ein Raubkommissariat ermittelt.“

Die Reaktion kommt aus Salzburg. Dort wohnt der 52-jährige Udo Ebner. Ein gestandenes Mannsbild, das die Gäste seit 30 Jahren durch die Mozart-Stadt chauffiert. Er hat die Momente, in denen es „Spitz auf Knopf“ stand, selbst erlebt. Und er hat sich nach einem Überfall, bei dem ein Kollege mit 16 Messerstichen traktiert wurde, seine Gefühle aufgeschrieben. Hier Udo Ebners Gedanken:

Gespräch mit dem Spezialisten
„Um mich genauer zu informieren führte ich mit Prim. Univ. Doz. Dr. Reinhold Fartacek ein ausführliches Gespräch. Er stellt fest, dass die Opfersituation ein Ereignis bedeutet, dass grundsätzlich einmal Entsetzen und Angst auslöst. Eine Reaktion auf einen derart brutalen Überfall, der durchaus auf Grund der durch 16 Messerstiche verursachten Verletzungen auch tödlich hätte ausgehen können, ist oder kann eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung sein (“post” = “danach”, “trauma” = “seelische Verwundung”). Dieses Trauma kann blitzartige Wiedererinnerung, panikartige Angstzustände oder auch Vermeidungsverhalten hervorrufen. Diese oder andere Symptome können auch später auftreten oder gar nicht, je nach psychischer Konstitution.

Dr. Fartacek gab mir einen Auszug einer Beschreibung von Dr. Morschitzky, aus dem ich wie folgt zitiere (Durchlesen lohnt sich wirklich, auch wenn es diesmal etwas länger dauert):

Bei der posttraumatischen Belastungsstörung handelt es sich um eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Nach dem DSM-IV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder einer anderen Person erlebt. Bei Kindern sind aufgrund des Entwicklungsstandes unangemessene sexuelle Erfahrungen inbegriffen.

Die Störung und das Ausmaß wird nicht allein durch das Trauma an sich definiert, sondern vielmehr auch durch die subjektive Reaktion darauf, die auf die unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweist (z.B. intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen, bei Kindern oft chaotisches oder agitiertes Verhalten).

Man ist nicht mehr „ganz“
Traumatisierend wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen Integrität, sondern auch die Bedrohung der fundamental menschlichen Erfahrung, eine autonom handelnde und denkende Person zu sein. Das Sich-Aufgeben und der Verlust jeglicher Autonomie in der Zeit der traumatischen Erfahrung stellen nach neueren Erkenntnissen an vergewaltigten oder inhaftierten Menschen – unabhängig von der Lebensbedrohung – verschärfende Belastungsfaktoren dar, was zukünftig stärker berücksichtigt werden sollte.

Die Störung entwickelt sich charakteristischerweise nicht sofort nach dem traumatischen Erlebnis, wie dies bei einer akuten Belastungsreaktion oder einer Anpassungsstörung der Fall ist, sondern erst Wochen bis Monate später, doch selten später als 6 Monate nach dem Trauma.

Das wesentlichste Merkmal stellt das ungewollte Wiedererleben von Aspekten des Traumas dar. Es treten dieselben sinnlichen Eindrücke (z.B. bestimmte Bilder, Geräusche, Geschmacksempfindungen, Körperwahrnehmungen) sowie gefühlsmäßigen und körperlichen Reaktionsweisen auf wie zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung.

Böse Erinnerungen
Alles, was an das Trauma erinnert, wird als sehr belastend erlebt und deshalb gemieden. Bestimmte Gedanken, Bilder und Erinnerungen werden unterdrückt und verschiedene Situationen des Alltagslebens vermieden.

Die emotionale Befindlichkeit kann von Patient zu Patient sehr verschieden sein, ist jedoch gewöhnlich charakterisiert durch eine Mischung von panischer Angst, großer Traurigkeit, intensivem Ärger, emotionaler Taubheit und starken Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Schamgefühlen.

Abschließend wird darauf hingewiesen, dass bei Auftreten einer posttraumatischen Belastungsstörung dringend ein Facharzt aufgesucht werden soll. Auch die Psyche gehört entsprechend behandelt, nicht nur der Körper!“

Foto: privat

05.10.2010 dv