Die Gucci-Tasche vom Strand

In den Sommerferien haben Produktfälscher Hochsaison

Der Handel mit gefälschter Markenware ist ein Milliardengeschäft. Und viele Menschen in Deutschland greifen gerne einmal zum Fake-Produkt – besonders im Urlaub. Denn so lässt sich billig Eindruck schinden. Doch die Sache hat natürlich einen Haken. 

Gefälschte Designer-Taschen an der Strandpromenade.

VON ERICH REIMANN  (dpa)
Eiscreme, Sonnenöl – und eine gefälschte Rolex: In der Ferienzeit haben nicht nur Eisdielen und Schwimmbäder Hochsaison, sondern auch Produktfälscher. Denn nachgemachte Uhren, Handtaschen oder Textilien werden gerne bei Auslandsreisen gekauft, wie aus einer jetzt veröffentlichten repräsentativen Umfrage der  Unternehmensberatung «EY»  hervorgeht.

Mehr als jeder dritte Konsument in Deutschland hat demnach schon einmal bei Plagiaten von Schmuck, Bekleidung oder Technik zugegriffen – und meist wussten oder ahnten die Käufer nach eigener Aussage, was sie da erwarben. Gut zwei Drittel (68 Prozent) der Einkäufe geschahen im Ausland.

Marken-Hersteller um Milliarden geprellt  
«Nachgemacht werden vor allem Produkte, die einen hohen Sex-Appeal für die Verbraucher haben. Dabei ist es egal, ob es sich um das neue Trikot der Fußballnationalmannschaft, eine Handtasche von Louis Vuitton oder eine Schweizer Luxusuhr handelt», sagt der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf. Wer eine gefälschte Gucci-Handtasche oder eine nachgemachte Rolex kaufe, wolle damit meist andere Leute beeindrucken. «Die meisten Leute erkennen ein Fake ja nicht.»

Das erklärt vielleicht auch, warum über die Hälfte der Käufer der Umfrage zufolge mit der erworbenen Fälschung «sehr zufrieden» (17 Prozent) oder zumindest «überwiegend zufrieden» (42 Prozent) waren. Auch wenn ihnen mehrheitlich bewusst war, dass die Produktpiraterie für die betroffenen Unternehmen gravierende Nachteile mit sich bringt. «Der vermeintlich niedrige Preis, den die Kunden für Plagiate bezahlen, kommt andere teuer zu stehen», warnt der Autor der «EY»-Studie, Michael Renz. «Es sind Milliarden, die die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden jedes Jahr durch Produktfälschungen verlieren.»

Teurer Mythos wird zerstört  
Für die betroffenen Luxusmarken sind mögliche Umsatz-Einbußen durch Plagiate aber gar nicht unbedingt das Hauptproblem, betont der Handelskenner Fassnacht. Denn die Käufer der Plagiate könnten sich das Original in der Regel ohnehin nicht leisten. «Aber ein wichtiges Kennzeichen von Luxusmarken ist, dass sie rar und selten sind, und dieser Mythos wird durch die Plagiate zerstört.» Dass Luxusmarken gerne mit limitierten Sondereditionen Begehrlichkeiten wecken, spielt den Fälschern nach Einschätzung von Fassnacht noch in die Hände. «Das heizt den Markt für Plagiate dann noch mehr an.»

Hauptgrund für den Kauf von Fälschungen ist der «EY»-Studie zufolge der niedrigere Preis der Nachahmungen. Fast drei Viertel der Befragten nannten das als Grund. Gut ein Viertel der Plagiatskäufer begründeten den Kauf aber auch mit dem einfachen Zugang zu den Fälschungen.

Gefälschtes gibt’s auch beim Online-Shopping
Besonders beliebt bei den Plagiat-Shoppern sind der Umfrage zufolge gefälschte Bekleidung und Accessoires, aber auch Schmuck und Uhren bekannter Marken. Gekauft werden die Plagiate laut «EY» in fast der Hälfte der Fälle auf Märkten oder bei fliegenden Händlern. Eine wachsende Rolle spielt aber auch das Internet, auf das zuletzt 28 Prozent der Einkäufe entfielen.

Vor allem junge Leute schlagen nach einer Studie der EU-Amts für geistiges Eigentum (EUIPO) häufig im Internet zu. Bei einer Umfrage unter mehr als 22.000 jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren in den 27 EU-Mitgliedsstaaten gab mehr als die Hälfte der Befragten an, im letzten Jahr mindestens ein gefälschtes Produkt wissentlich oder versehentlich über das Internet gekauft zu haben. In Deutschland kauften den Angaben zufolge 39 Prozent der Befragten wissentlich gefälschte Ware.

Schaden weltweit: 412 Milliarden Euro pro Jahr
«Der Fälschungsmarkt ist gerade im Internet in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Mit wenigen Klicks lassen sich alle möglichen Plagiate von überall auf der Welt bestellen», berichtet «EY»-Experte Alexander Meinrad. Und der EUIPO-Exekutivdirektor Christian Archambeau warnt: «In einer Zeit, in der der elektronische Handel und der digitale Konsum erheblich zugenommen haben, ist die Zunahme des vorsätzlichen wie des unbeabsichtigten Kaufs nachgeahmter Waren ein besorgniserregender Trend.»

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die EUIPO haben den weltweiten Schaden durch Fake-Produkte für das Jahr 2019 auf rund 412 Milliarden Euro geschätzt, was rund 2,5 Prozent des Welthandels entspreche. Fälscher widmen sich dabei längst nicht mehr nur nachgemachten Gucci-Taschen oder Rolex-Uhren für Touristen, gefälscht werden längst auch Medikamente, Werkzeuge und Maschinenteile – mit zum Teil lebensgefährlichen Konsequenzen.

Schnäppchen machen krank  
Gefahrlos ist der Kauf von Plagiaten aber selbst bei Allerwelts-Artikeln nicht. Billige Ersatzmaterialien bei Schmuck oder aggressive Chemikalien in der Kleidung können Käufer von Plagiaten krank machen. Tatsächlich nannten vier von fünf Befragten bei der «EY»-Studie Gesundheitsgefahren als größtes Risiko beim Kauf von Nachahmer-Produkten. Trotzdem nähmen viele die Gefahr billigend in Kauf, meinte «EY»-Experte Renz. «Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass nahezu alle Bundesbürger aktuell weniger Geld im Portemonnaie haben und die Inflation von einem Höchststand zum nächsten rast.»

Archivfoto:  picture-alliance / dpa

28.07.22 wel