Drei Leichen zum Dienstbeginn

Die Beamten vom KDD erledigen den «ersten Angriff»

Ob Mord, Raub, Einbruch oder Trickdiebstahl – Margarita Kahlmeyer und Thorsten Wistuba-Büsing kennen das alles. Denn die Fachleute des Kriminaldauerdienstes in Hannover sind meist die ersten am Tatort.

Kriminaloberkommissarin Margarita Kahlmeyer vom Kriminaldauerdienst (KDD) sichert Spuren in der Wohnung einer 95-jährigen Frau. Die ale Dame wurde Opfer von Trickdieben.

REPORTAGE VON THOMAS STRÜNKELNBERG  (dpa)
Erst ein kurzer, prüfender Blick in die Wohnung, dann setzt sich Margarita Kahlmeyer zu der aufgelösten Rentnerin und sagt die entscheidenden Worte: «Beruhigen Sie sich erst einmal.» Denn die alte Dame ist tief erschüttert, sie zittert und muss sich beim Aufstehen an der Wand, am Schrank, am Tisch festhalten. Trickdiebe haben sie ausgeraubt, Schmuck und Bargeld fehlen. «Wie kann man auf so etwas reinfallen?», fragt die 95-Jährige leise. Als mache sie sich selbst Vorwürfe.

Kriminaloberkommissarin Kahlmeyer, genannt «Maggi», kennt solche Situationen. Die 35 Jahre alte blonde Frau arbeitet beim Kriminaldauerdienst der Polizei Hannover, zuständig für Stadt und Region Hannover. Zusammen mit dem kriminaltechnischen Angestellten Thorsten Wistuba-Büsing betritt sie die Wohnung der Rentnerin, beide in Polizeiweste, beide schwer bepackt mit ihrer Ausrüstung – Kamera, Spurenkoffer, DNA-Koffer müssen sie über enge Treppen mehrere Stockwerke hochschleppen.

Sie teilen sich die Aufgaben auf – Kahlmeyer spricht vom «objektiven» und «subjektiven» Befund. Das heißt, dass einer der beiden die Wohnung überprüft und der andere mit dem Opfer spricht. Die 35-Jährige «kann gut mit Senioren». Sie sitzt der Rentnerin gegenüber und spricht beruhigend mit ihr. Sie empfindet Mitleid mit älteren Opfern, sagt sie. Und sie hat das Gefühl, ihnen etwas Gutes tun zu können. Ihr rotbärtiger Kollege geht durch die Wohnung, beschreibt sie in allen Einzelheiten und spricht die Ergebnisse leise und schnell in sein Diktiergerät. Bis hin zur wunderbar altmodischen grünen Tapete.

Auf Spurensuche
Dann sucht er nach DNA-Spuren, bestreicht dazu etwa den Wasserhahn in der Küche der alten Dame mit einem Wattestäbchen und bidestilliertem – also reinstem – Wasser. Das Stäbchen verschwindet sofort in einem Plastikröhrchen, fertig für die Auswertung. Kahlmeyer bestreicht das Schloss und die Klinke der Wohnungstür mit einem großen, weichen Pinsel und mit Rußpulver – auf der Suche nach Fingerabdrücken. Das Ergebnis: Fehlanzeige.

Ohnehin dreht sich in der Polizeiarbeit inzwischen immer mehr um DNA-Spuren, wie Kahlmeyer sagt. «Das ist der Knaller.» Zum Vergleich macht die 35-Jährige einen Abstrich bei der Rentnerin. Am besten wäre es, wenn der Täter irgendeine Stelle öfter angefasst hätte – je öfter, desto besser.

Die Rentnerin versucht, sich an den Täter zu erinnern, während die Polizistin die Aussagen sofort per Diktiergerät protokolliert: 30 bis 35 Jahre alt soll er sein, dunkelblond, im Blaumann wie ein Handwerker. Seine Beute: Es fehlen 1.000 Euro und mehrere Ringe.

Ein blöder Gedanke
Bestimmt zehn Minuten sei der Unbekannte mit ihr in der Wohnung gewesen. In der Küche habe er das Wasser laufen lassen, erinnert sich die 95-Jährige. Als der Mann weg war, sei sie ins Schlafzimmer gegangen. Dort habe sie gesehen, dass ihr Bademantel heruntergefallen sei: «Dann kam mir ein blöder Gedanke.» Zu Recht, wie sich schnell herausstellt. Wie geht es weiter? Kollegen von der Polizei würden sich melden und ihr Fotos von Tätern zeigen, kündigt Kahlmeyer der alten Dame an. Vielleicht hat sie Glück und erkennt den Täter. Die Polizistin gibt ihr ein Merkblatt mit Tipps, wie man Trickdiebe erkennen kann. Doch die sind in der Regel gut geschult, wie Kahlmeyer erklärt. «Die Leute glauben ihnen.»

Der Kriminaldauerdienst ist der Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei. Was auch passiert an größeren Straftaten – die meist in Zivil gekleideten Experten vom Kriminaldauerdienst machen die Tatortaufnahme und übernehmen die Spurensicherung. «Die Kollegen in den weißen Kitteln bei Mordfällen – das sind wir», erklärt die 35-Jährige.

Jährlich gibt es allein in der Region Hannover über 2.100 Todesermittlungen, wie der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, Ralf Leopold, sagt. Das sind aber längst nicht alles Straftaten; die Polizeiliche Kriminalstatistik zählt für 2019 aber immerhin 29 versuchte Tötungen und 7 vollendete Taten, darunter zwei Morde, auf. Aufgeklärt werden die meisten Fälle, die Quote liegt bei über 94 Prozent.

Viele Einsätze
«Es gibt Tage, da fährt man einen Einsatz – an manchen Tagen aber geht es von Einsatz zu Einsatz», erzählt Kahlmeyer. Der heutige Tag ist speziell: «In einer halben Stunde sind fünf Einsätze reingekommen, darunter drei Leichen», sagt sie verblüfft. Keine Zeit für das übliche Käffchen, die tägliche Besprechung. Heute kommt der Koordinator schon mit drei Zetteln auf sie zu.

Nach dem Trickdiebstahl ist vor dem nächsten Einsatz. Aber erst muss eine elektronische Strafanzeige angelegt werden. Das erledigen die beiden zwischen den Einsätzen und übergeben ihre Fälle damit an die Sachbearbeiter. Mit dem Papierkram haben sie wenig zu tun, die Diktate dürften einen zehnseitigen Bericht ergeben, schätzt Wistuba-Büsing.

Der nächste Einsatz: Eine Leiche wird gefunden. Wie immer in solchen Fällen entscheidet das Kreuzchen des Notarztes. Bei gefundenen Leichen setzt kaum ein Notarzt sein Kreuz auf dem Totenschein im Feld «natürlicher Tod», erklärt Kahlmeyer. Zwar sind die Experten des Kriminaldauerdienstes keine Mediziner. Aber dennoch übernehmen sie eine erste Leichenschau, machen Fotos und suchen nach Merkmalen wie etwa Würgemalen, die für ein Fremdverschulden sprechen. Das ist nicht immer leicht. Margarita Kahlmeyer erinnert sich an die Leiche eines drei Monate alten Kindes mit schwerem Herzfehler. «Das vergisst man nicht», sagt sie leise.

Bloß keine Routine 
Vorlieben bei ihren Einsätzen haben sie trotzdem nicht. Interessant sei es, sich in den Täter «einzudenken», wie «Maggi» sagt. «Was mich an dem Job reizt, ist die Vielfalt.» Wistuba-Büsing ergänzt: «Man sollte aufpassen, dass es keine Routine wird.» Untereinander sprächen die Mitarbeiter des Kriminaldauerdienstes viel über die jeweiligen Einsätze. Es sei gleichsam eine Art Verarbeitung, sagt Kahlmeyer, die seit April 2011 dabei ist. Selten nur nehme sie Erlebnisse aus dem Job gewissermaßen mit nach Hause. Anders sei das bei einem Fall in der Südstadt Hannovers vom Jahresbeginn gewesen. Dort starb eine 23-Jährige, vermutlich ein Stalking-Opfer, an Stichverletzungen im Hals. Verdächtigt wird ein 34-Jähriger, der sich der Polizei stellte.

Die beiden Polizisten fahren jetzt zu ihrem neuen Einsatz, zu dem – noch – unbekannten Toten. Es ist nicht weit – Glück gehabt. An manchen Tagen legen sie in der Region Hannover bis zu 200 Kilometer zurück. Die Notärztin ist schon da. Der Notruf kommt vom Bruder des Toten, der die Leiche fand. Die Todesursache ist unklar. Aber es ging ihm nicht gut, wie die Notärztin sagt. Der Bruder des 53 Jahre alten Toten ist schwer getroffen, er verhaspelt sich, ist nervös. Fest steht: Sein Bruder war krank, er hatte schwere Atemnot, wurde außerdem wegen psychischer Probleme behandelt. Zwei Tage zuvor hat er noch gelebt. Jetzt müssen Kahlmeyer und ihr Kollege Fremdverschulden – wenn möglich – ausschließen.

Spurensuche an einer Leiche
Wichtig für die Ermittler: Die Wohnungstür des Mannes ist nur zugezogen, Einbruchsspuren gibt es nicht. Beide Polizisten ziehen Gummihandschuhe über, sie nehmen zunächst wieder die Wohnung unter die Lupe. Der 53-Jährige war starker Raucher. Zigaretten liegen auf dem Tisch, ein Aschenbecher steht da. Der Zigarettenqualm hängt dicht im Raum, trotz geöffneter Fenster. Wistuba-Büsing macht klar: «Wir beschreiben nur das, was wir sehen – keine Interpretation. Ein Tisch ist ein Tisch, nichts drum herum.»

Dann wendet er sich dem Toten zu, der in entspannter Haltung und wie schlafend auf seinem Bett liegt, die Arme über dem Kopf verschränkt, die Beine leicht übergeschlagen. Er schätzt Größe und Gewicht des mit T-Shirt und Shorts bekleideten Mannes und untersucht den Leichnam – ganz vorsichtig, beinahe sanft. Er sucht nach Verletzungen, die auf ein Tötungsdelikt hinweisen könnten. Bei auffälligen Spuren wäre der Leichnam sichergestellt und der Rechtsmedizin übergeben worden, die Wohnung hätte man versiegelt.

Aber so: Es werde «eher keine Obduktion» geben, deutet Kahlmeyer vorsichtig an. Bei Tötungsdelikten sichern die beiden auch äußere Spuren an der Leiche – Haare oder DNA-Spuren unter den Fingernägeln. Dinge also, die der normale Krimikenner eher mit Rechtsmedizinern in Verbindung bringt.

Danach: Rückfahrt zur Dienststelle, der Papierkram wartet. Das letzte Wort hat jetzt die Staatsanwaltschaft. Doch beide gehen davon aus, dass die Akte zugemacht wird. Es geht daher nur noch um die Dokumentation des Falles. Der Bruder des Toten darf also einen Bestatter beauftragen.

Auch andere Teams kehren jetzt von ihren Einsätzen zurück. Man trifft sich im Aufenthaltsraum. Auf dem Tisch steht ein Tablett mit Kuchen, ein Fliegenfänger hängt von der Decke, im Raum nebenan gibt’s einen Kaffeeautomaten. An der Wand hängen McDonalds-Coupons – fast wie im US-Klischee zu Polizeinahrung bringen zwei Beamte Burger und Donuts mit. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Jede Sekunde kann man zum Einsatz gerufen werden, da hilft ein schnelles Essen. Aber jetzt wird es merklich ruhiger. Fünf Tote sind es insgesamt an diesem Tag.

Einbruch mit vielen Spuren
Neuer Tag, neuer Einsatz: Das Team vom Kriminaldauerdienst wird ganz früh am Morgen zu einem Einbruch gerufen. Es geht um ein Restaurant in einem Ortsteil von Springe. Nach hinten erstreckt sich ein Gewerbegebiet. Die Ermittler finden zahlreiche Spuren: Die Täter sind aufs Dach geklettert, um ins Gebäude zu kommen. Sichtbar ist das an verrutschten Dachziegeln und der verbogenen Dachrinne. Dann schlagen sie ein Fenster im Obergeschoss ein und brechen einen Schrank auf, um dann auf der Innenseite einer weißen Schranktür einen Fußabdruck zu hinterlassen. «Das sind ungewöhnlich viele Spuren», kommentiert Kahlmeyer, die den Fußabdruck mit Pinsel und Ruß sichtbar macht. Mit einer speziellen Folie sichert sie dann den Abdruck.

Um ins Untergeschoss zu kommen, versuchen die Täter vergeblich, eine Tür aufzubrechen – ein Schraubenzieher steckt noch im Schloss. An dem Werkzeug kommt wieder das Wattestäbchen zum Einsatz, um möglichst DNA-Spuren zu sichern. Die Chancen sind gut, meinen die Ermittler. Selbst wenn die Täter Handschuhe trugen, dürften sie das Werkzeug vorher schon in der Hand gehalten haben. Schließlich schlugen die Einbrecher im Untergeschoss ein Fenster ein, gestohlen wurde aber offensichtlich – nichts.

«Maggi» Kahlmeyer ist in Gedanken noch bei der 95-Jährigen, die das Opfer von Trickdieben wurde. Ob die Spuren zu einem Ergebnis führen? «Wir kriegen selten mit, was passiert», sagt sie. Es ist bereits der zweite Trickdiebstahl, den die 95-Jährige erlebt. Und das in einer Zeit von 65 Jahren, denn so lange wohnt sie schon zur Miete in ihrer Wohnung – nur 68 Mark hat sie einst für die Miete zahlen müssen. Und jetzt? «Was mit 600 Euro», sagt die 95-Jährige.

Foto:  Julian Stratenschulte / dpa

26.03.20 wel