Drogen auf Kinderzeichnungen

Knast-Alltag: Mit Scannern wird die Gefangenenpost geprüft

Gefangene sitzen hinter hohen Mauern ihre Strafe ab. Dennoch: Drogen finden immer wieder Wege in Zellen. Drohnen, Würfe über den Zaun, Schmuggel. Sogar Kinderzeichnungen fungieren als Kuriere. 

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal wird eine Kindermalerei gescannt. Das Bild, dessen Papier mit synthetischen Cannabinoid getränkt ist, stammt aus der Gefangenenpost und war für einen Häftling bestimmt.

VON MARTIN OVERSOHL  (dpa)
Ein gemaltes Herz auf einem bunten Blatt Papier, Wachsfarbe vielleicht, dazu eine strahlende Sonne aus Kinderhand und ein lächelndes Männchen unter dem Satz «ich vermisse Dich» in Krakelschrift. Moderner Drogenschmuggel im Gefängnis kann auch mal an die Bastelstunde in der Tagesstätte erinnern. Denn das Gute-Laune-Bildchen mit Herzchen, Sonne und Satz ist benetzt mit Drogen. Die Mitarbeiter in der JVA Bruchsal schöpfen Verdacht, ziehen einen Teststreifen darüber und scannen ihn – Volltreffer! Mit der Zeichnung sollten Drogen eingeschleust werden. Wäre sie in eine Zelle gelangt, hätte sie in kleine Einheiten geteilt, geraucht oder auch verkauft werden können.

Mit bundesweit noch seltenen Drogenscannern will die baden-württembergische Justiz Schmuggelversuche wie diesen bremsen. Die weinkartongroßen Geräte spüren vor allem neue psychoaktive Stoffe wie synthetische Cannabinoide auf. Und sie werden – wie es scheint – auch erfolgreich eingesetzt: Im vergangenen Jahr haben die beiden baden-württembergischen Scanner in den Haftanstalten in Bruchsal und Heilbronn bereits 150 Treffer gelandet. Die Dunkelziffer bleibt natürlich hoch.

Gute Geschäfte hinter Gittern  
«Das Gerät hat sich bewährt», sagt Thomas Weber, Leiter der Bruchsaler Justizvollzugsanstalt (JVA). «Wir machen das grundsätzlich mit allen Zeichnungen und Briefen und haben bereits zahlreiche Sendungen abgefangen.»

Diese sogenannten «Neuen psychoaktiven Substanzen» (NpS) werden synthetisch hergestellt und können die Wirkung klassischer Rauschgifte wie Amphetamin, Kokain oder Heroin nachahmen. Allerdings ist die Konzentration der Designerdrogen sehr hoch. Deshalb können viel kleinere Mengen im Mikrogramm-Bereich für einen vergleichbaren Effekt sorgen. Im Vergleich zu den klassischen Drogen sind die Zutaten zudem nicht nur einfach übers Internet zu bestellen, sie sind auch außerordentlich preiswert. «Erwischen wir einen Fall, ist das Ausfallrisiko begrenzt, weil es nicht viel kostet», erklärt JVA-Leiter Weber das Risiko für die Kriminellen. Gemessen an Kosten und Verkaufspreis macht ein Drogendealer hinter Gittern also ein gutes Geschäft.

Prüfergebnis nach wenigen Sekunden  
Das Problem für die Konsumenten: Es gibt keine Qualitätskontrollen. Weder die Art noch die Stärke der Wirkung lassen sich vorhersagen, bevor die Droge eingenommen wurde. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums kann die Einnahme «zu Übelkeit, heftigem Erbrechen, Herzrasen und Orientierungsverlust über Kreislaufversagen, Ohnmacht, Lähmungserscheinungen und Wahnvorstellungen bis hin zum Versagen der Vitalfunktionen» führen. Auch Todesfälle soll es schon gegeben haben.

Ein Swab wird in den Scanner eingeschoben. Er enthält die Abwischprobe eines Briefes. Der Ionenscanner erkennt anhand der Probe getarnte Drogen.

Die Drogen kommen meist per Post, sie sind auf Papier gedampft oder auf Tabak getröpfelt und fürs bloße Auge kaum sichtbar. Mit einem Teststreifen nehmen JVA-Mitarbeiter Proben zum Beispiel von einem verdächtigen Brief, die Streifen legen sie dann in das Gerät, um nach wenigen Sekunden eine Analyse zu erhalten. «Wenn das Papier mit Drogen getränkt ist, leuchtet ein Alarmsignal rot auf», erklärt die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. «Das Verfahren ist deutlich einfacher und pragmatischer als Gegenstände bei jedem Verdachtsfall in ein externes Labor zu schicken.»

Perfide: Drogen auf Kinderbildern  
Die «lernfähigen» Geräte erkennen nach Angaben des Justizministeriums neben synthetischen Cannabinoiden auch andere Betäubungsmittel, darunter Cannabis oder Kokain. Derzeit können rund 830 verschiedene Stoffe über eine Datenbank des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz erkannt werden – und es werden immer mehr. Denn die Hersteller der synthetischen Drogen verändern ständig die Inhaltsstoffe und Rezepturen. «Es ist schon besonders perfide, Kinderbilder mit Drogen zu tränken und auf diesem Weg illegale Substanzen in ein Gefängnis hinein zu schleusen», sagt Gentges.

Vom Erfolg der Geräte ist sie aber überzeugt: Die nächsten beiden Scanner hat das Land bereits bestellt. Rheinland-Pfalz ist da noch weiter: Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt werden Scanner inzwischen flächendeckend in den Gefängnissen des Landes eingesetzt, um raffiniert geschmuggelte Designerdrogen aufzuspüren.

Fotos:  Uli Deck / dpa

20.01.23 wel