Kind lebendig begraben

Der Fall Ursula Herrmann

(XY-Spezial vom 15. Juli 2020)
Er ist einer der aufsehenerregendsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte. Und eine Tat, die XY-Erfinder und -Moderator Eduard Zimmermann Zeit seines Lebens nicht losließ: das Verbrechen an der zehnjährigen Ursula Herrmann. Sie starb in einem Verlies unter der Erde.

XY-Szenenfoto

Am Abend des 15. September 1981 gegen 19.30 Uhr verabschiedet sich die zehnjährige Ursula Herrmann von ihrer Freundin in Schondorf am Ammersee. Ein Abschied für immer. Auf dem Heimweg ins nur wenige Kilometer entfernte Eching wird sie von einem Mann entführt und in eine im Erdboden vergrabene Kiste eingesperrt.

Große Sorge
Als Ursula nicht nach Hause kommt, machen sich ihre Eltern auf die Suche und verständigen die Polizei. Etwa vier Stunden später wird Ursulas Fahrrad gefunden. Es lehnt an einem Baum. Von der Zehnjährigen gibt es zunächst keine Spur.

Kurz darauf melden sich die Entführer bei den Herrmanns – telefonisch und per Brief. Sie verlangen ein hohes Lösegeld. Die Familie sagt zu, das Lösegeld bezahlen zu wollen. Doch sie verlangt ein Lebenszeichen von Ursula. Danach bricht der Kontakt zu den Entführern ab.

Endlich Gewissheit
Am 4. Oktober 1981 entdeckt ein Suchtrupp der Polizei schließlich eine auffällige Stelle auf einer Lichtung im Wald zwischen Schondorf und Eching. Der Erkennungsdienst beginnt zu graben und findet im Erdboden eine aus Holz gezimmerte Kiste. Als die Beamten diese öffnen, sitzt darin Ursula Herrmann. Das Mädchen ist tot.

Die Kiste, in der Ursula starb, weist einige Besonderheiten auf. Sie ist ausgestattet mit Licht und einem umgebauten Radio, einer Sitzgelegenheit und einem kleinen Tisch sowie einer Art Belüftungssystem aus Kunststoffrohren und Siphons, das allerdings nicht funktionierte. Ursula Herrmann ist aufgrund der fehlenden Sauerstoffversorgung in der Kiste erstickt.

Spurensuche
Außerdem finden die Ermittler Lesestoff, Essen und Trinken für mehrere Tage sowie Wechselkleidung. Die Polizei untersucht sämtliche Gegenstände in der Kiste, doch nichts führt auf die Spur des Täters.

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Durch einen anonymen Hinweis gerät ein Mann ins Visier der Polizei, der nur wenige hundert Meter von Ursula Herrmanns Elternhaus entfernt wohnt. Es gibt einige Indizien, die für eine Tatbeteiligung sprechen: So hat der Verdächtige kein Alibi für den Tatabend, besitzt die Fertigkeiten, eine solche Kiste zu bauen, und hat akute Geldsorgen. Vor Jahren hat er einen Hund in eine Kühltruhe gesperrt und dort erfrieren lassen. Außerdem sagt ein weiterer Zeuge aus, er habe für den Verdächtigen ein Loch im Wald gegraben. Doch in der Summe reichen die Indizien nicht für eine Anklage aus.

Neuer Versuch
Im Herbst 2007 – 26 Jahre nach dem Verbrechen an Ursula – plant die Polizei eine groß angelegte Aktion, bei der sie weitere Indizien oder sogar Beweise für eine Täterschaft des Verdächtigen zu finden hofft. Und tatsächlich: In den Wohnräumen des Mannes wird ein Tonbandgerät gefunden, das zwei Defekte aufweist. Genau dieselben Defekte hatte das Gerät, das die Entführer verwendet haben. Es werden noch weitere Indizien gefunden. So bezeichnet der Verdächtige in einem Telefonat den Tod der Zehnjährigen als „Betriebsunfall“ und macht sich Gedanken über eine Verjährung der Tat.

Im März 2010 wird der Beschuldigte nach einem langwierigen Indizienprozess vor dem Landgericht Augsburg wegen erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof bestätigt später das Urteil.

Kriminalpsychologin Lydia Benecke analysiert:
Der Täter ist ein Narzisst, der kein Mitleid hat und sich falsch verstanden fühlt. In seiner Denkweise hat er sich trotz aller Umstände um das Kind gekümmert. Er hat Ursula Herrmann eine große Auswahl an Süßigkeiten, Getränken und Lesestoff besorgt, so dass sie sich die Zeit in der Kiste vertreiben kann. Dass das Kind verstorben ist, sieht der Täter schlichtweg als „Betriebsunfall“, der nunmal geschehen ist.