Ein Skandal

Zu wenig Personal, Institute in Gefahr, ungelöste Fälle

Berlin/Köln (dv) Professor Markus Rothschild sieht durch seine breitrandige Hornbrille freundlich in die Weltgeschichte. Er mag die Menschen, er ist gern bei seiner Familie, er liebt sein Berufsleben am Melatengürtel 60-62 zu Köln. Dort steht er dem Institut für Rechtsmedizin vor – und das tut er, wenn nötig, auch mit gebotener Streitbarkeit. Wir müssen auf die Notwendigkeit unserer Arbeit aufmerksam machen“, sagt der Mediziner. „Sonst wird die ganze Situation noch problematischer.“

Der „Situation“, von der Rothschild spricht, hat sich in dieser Woche der Deutschlandfunk in dankenswerter Ausführlichkeit angenommen. Unter dem Titel „Totgespart“ kommt Gisela Keuerleber unter anderem zu folgender Erkenntnis: „Im Fernsehen sind Serien um Gerichtsmediziner beliebt, in der Realität werden viele Institute in Deutschland aus Kostengründen geschlossen. Ein Skandal!“

Da können alle, die sich mit der Materie eingehender befassen, nur zustimmen. Es fehlt schon jetzt an allen Ecken und Enden – an Instituten und Außenstellen, an Personal, an Nachwuchs, an Zeit.

Die Folge: Wegen des sich verschärfenden Missstandes in der Rechtsmedizin hapert es an optimaler Klärung bei Todesfällen. Professor Rothschild: „Vorsichtige Schätzungen gehen von 2000 Tötungsdelikten pro Jahr aus (weniger vorsichtige von 4000) die ungeklärt bleiben. In diesen Fällen kreuzt der Hausarzt ,natürliche Todesart‘ auf dem Totenschein an, und der Staatsanwalt schließt den Fall nach einer kurzen Ermittlung ab.“

Miserable Vergleichswerte
Die Misere der Rechtsmedizin kann auch an Zahlen fest gemacht werden. In Österreich werden rund 30 Prozent der Leichen obduziert, in skandinavischen Ländern sind es noch 20 – während zwischen Rostock und Reichenhall in gerade mal zwei bis drei Prozent der Todesfälle fachkundige Rechtsmediziner zum Zuge kommen.

Auch bei der Standort-Politik zeichnen die Insider ein düsteres Szenario. Der Frankfurter Rechtsmediziner Hans-Jürgen Bratzke, einer der Profiliertesten im Lande, erläutert im Deutschlandfunk: „Wir haben oben im Norden die Zusammenlegung der Institute Lübeck und Kiel, jetzt die weitgehende Schließung von Magdeburg und Zusammenlegung mit Halle, in Erlangen nur noch ein rudimentäres Institut innerhalb der Pathologie, wir hatten in Hessen die vollständige Schließung des Marburger Institutes, mit weitgehenden Folgen, weil die Versorgung des Gebietes bis nach Kassel reichte, schlichtweg nicht mehr von dem verbleibenden Institut in Gießen geleistet werden konnte, sodass die Versorgung aus einem andern Bundesland, die rechtsmedizinische Versorgung übernommen wird. Wir haben Aachen mit allen negativen Beispielen, nämlich des Transports und der ortsnahen Versorgung.“

Klingt wirklich nicht berückend. Auf der Strecke bleiben bei der Aufklärung Todesfälle bei Kleinkindern und älteren Menschen sowie Gift-Verbrechen, wenn kein erfahrener Rechtsmediziner sich um einen Fall kümmert. Michael Tsokos von der Berliner Charité warnt: „Man kann viel an einer Gesellschaft ablesen, wie sie mit ihren Toten umgeht. Wir sind von der Qualität der Leichenschau und von der Zahl der Obduktionen her in Deutschland das Schlusslicht in Europa. Wir haben die qualitativ schlechtesten Leichenschauen und die niedrigste Obduktionsrate.“

Dem bleibt nur noch der Satz aus einem Beschluss der Justizministerkonferenz vom Juni vergangenen Jahres hinzuzufügen. Da heißt es: „Die Justizministerinnen und Justizminister weisen mit allem Nachdruck darauf hin, dass ein weiterer Rückbau dem berechtigten Interesse der Allgemeinheit an einer wirksamen Strafverfolgung, zuwider läuft.“

Was folgert? Das nennt man dann wohl Handlungsbedarf.

22.04.2010 dv