Einfach da sein und zuhören

Psychologische Hilfe für Zeugen von Gewalttaten

Ihren allerersten Einsatz hatte Petra Stolle beim ICE-Unglück von Eschede. Auch vor vier Wochen, nach der Gleis-Attacke in Frankfurt, stand die Notfallpsychologin Betroffenen zur Seite. Doch wie vermeidet man traumatische Störungen und wer hilft den Helfern?

Hauptbahnhof Frankfurt/Main, Gleis 7: Bei der Einfahrt des ICE wurden ein achtjähriger Junge und seine Mutter vor den Zug gestoßen. Während die 40-jährige Frau sich in letzter Sekunde noch retten konnte, wurde ihr Sohn vom ICE erfasst und tödlich verletzt.

Von JENNY TOBIEN  (dpa)
Vor vier Wochen, am 29. Juli um kurz vor 10 Uhr, geschieht am Frankfurter Hauptbahnhof das Unfassbare. Es ist Ferienzeit in Hessen. Zahlreiche Menschen stehen an Gleis 7 und warten auf den ICE nach München. Auch ein acht Jahre alter Junge, der gemeinsam mit seiner Mutter in den Urlaub aufbrechen will. Plötzlich werden beide in das Gleisbett gestoßen. Die Frau kann sich gerade noch zur Seite retten. Ihr Sohn wird von dem Zug erfasst und stirbt.

Um 10.15 Uhr geht bei Petra Stolle im badischen Lörrach der erste Anruf ein. «Eine Kollegin, die zufällig in dem Zug war, rief an und sagte, dass da was Größeres passiert sein muss.» Weitere 15 Minuten später kommt die offizielle Alarmierungs-SMS.

Stundenlang am Telefon 
An jenem Montag war die Notfallpsychologin – so wie viele ihrer Kollegen – stundenlang im Einsatz. Zahlreiche Menschen haben den tödlichen Stoß aus nächster Nähe miterlebt. «Ich saß bis abends um elf am Telefon und habe mit Betroffenen geredet.» Da sei es vor allem um die belastenden Bilder gegangen, die diese im Kopf haben. Insgesamt hatten sich nach der Attacke 25 bis 30 Menschen über eine extra eingerichtete Hotline gemeldet. Am Folgetag reiste Stolle dann nach Frankfurt und war unter anderem bei der Gedenkfeier auf dem Bahnhofsvorplatz dabei.

Schon kurz nach traumatisierenden Ereignissen, wie der Gleis-Attacke, greift bei der Deutschen Bahn ein internes Notfall-System. Das »CareNet«-Programm bietet zum einen psychologische Betreuung, zum anderen ganz praktische Unterstützung, etwa bei der Weiterreise. Darüber hinaus gibt es ein Betreuungsprogramm speziell für die eigenen Mitarbeiter, das eine umfassende Nachbetreuung sicherstellt. Im Frankfurter Fall könnten das Zugbegleiter und Lokführer sein. Beide Programme wurden maßgeblich von Stolle mitentwickelt.

Reisende und Mitarbeiter werden betreut 
Bei  »CareNet«  sind 1.400 freiwillige Bahn-Mitarbeiter aus ganz Deutschland auf Abruf einsatzbereit. «Die kommen aus allen Bereichen – vom Controller bis zum Rangierer», erklärt die 50-Jährige. Über das Netzwerk soll garantiert werden, dass die speziell geschulten Helfer innerhalb von einer Stunde am Notfallort sein können. «Dort unterstützen sie die Einsatzkräfte und betreuen die unverletzten Reisenden und Mitarbeiter. Die Helfer hören zu und geben Rat», heißt es bei der Bahn. So eben auch vor vier Wochen in Frankfurt.

Mit Details hält sich Psychologin Stolle bedeckt, Datenschutz und Schweigepflicht sind in ihrem Beruf enorm wichtig. Aber generell gilt: «Vor Ort geht es darum, Menschen zu beruhigen und ihnen zu vermitteln, dass es normal ist, dass sie geschockt sein können oder wenn es ihnen nicht gut geht.» Es sei eher ein miteinander Trauern und das gemeinsame Aushalten von Leid. Therapeutische Gespräche finden mehr im Zuge der Nachbetreuung statt.

Wichtig: ein stabiles Umfeld 
Um etwa traumatische Störungen zu vermeiden, vermittelt die Bahn bei Bedarf auch an psychologische Einrichtungen. Aber wie erkennt man eine traumatische Störung? Dass man in den ersten Tagen und Wochen nach dem Erlebten angespannt und schreckhaft ist und schlecht schläft, sei völlig normal, sagen Fachleute. «Wenn die Symptome länger als vier Wochen dauern, sprechen wir von einer posttraumatischen Belastungsstörung», erklärt Psychotherapeut und Traumaexperte Georg Pieper. «Damit darf man Menschen nicht alleine lassen.» Nicht darüber reden zu können, sei der größte Risikofaktor für spätere langwierige Störungen.

Stolle meint: «Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen auf ein stabiles Umfeld zurückgreifen können.» Ihr sind die Betreuungsprogramme eine Herzensangelegenheit. Während des Psychologiestudiums in Marburg und Frankfurt absolvierte sie im Sommer 1998 ein Praktikum bei der Bahn. Genau zu jener Zeit, als es zum größten Bahnunglück in der deutschen Geschichte kam: der ICE-Katastrophe von Eschede mit 101 Toten.

Prävention und Untertstützung professionalisiert 
«Das war mein allererster Einsatz. So bin ich letztlich an das Thema Krisenmanagement und Notfallpsychologie gekommen», berichtet sie. Mit dem Unglück habe ein Umdenken bei der Bahn, aber auch in der Gesellschaft eingesetzt. «Das ganze Thema psychosoziale Notfallversorgung wurde komplett überarbeitet und neu gedacht. Prävention und Unterstützung wurden professionalisiert, Mitarbeiter und Helfer sind heute viel besser ausgebildet.»

Was qualifiziert die Helfer? «Wichtig ist, dass man nicht selbst noch mit einem Ereignis zu kämpfen hat, das man durch die Ausbildung verarbeiten will.» Und: «Man muss natürlich helfen wollen.» Ein bedeutender Programmteil sei die Nachsorge der Unterstützer: «Das hört ja nicht einfach auf, wenn die Trauernden oder Betroffenen weg sind. Dann geht es weiter mit der Betreuung der Helfer.»

Entspannungsübungen gegen Belastungen
Nach Ansicht von Experten geht der Frankfurter Fall vielen Menschen besonderes nahe. Zum einen, weil das Opfer ein Kind war. Zum anderen, weil die Attacke quasi aus dem Nichts in einer alltäglichen Situation erfolgte. Damit könnten sich viele identifizieren. Amelie Thobaben, Mitglied des Bundesvorstands der  Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung,  sagte nach der Tat: Die Ereignisse seien «ganz besonders unfassbar», weil sie von Menschenhand ausgelöst wurden und nicht etwa durch eine Naturkatastrophe oder einen Unfall. Der Verdächtige wurde nach der Attacke festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft.

Stolle, selbst zweifache Mutter, hat ihre eigenen Methoden, den belastenden Job nach Feierabend abzuschütteln: «In den ersten Tagen ist Feierabend relativ. Da denkt man schon weiter drüber nach.» Aber neben einer professionellen Supervision habe sie ein Umfeld, das um ihre Arbeit wisse und ihr helfe, Dinge loszulassen. «Ansonsten mache ich Entspannungsübungen und Sport oder diskutiere mit meinen beiden Kindern über Alltägliches – wie eine Taschengeld-Erhöhung.»

Foto:  Frank Rumpenhorst / dpa

25.08.19 wel