Frauen kämpfen für den IS

Verfassungsschutz warnt vor Islamistinnen

Der Islamische Staat (IS) gilt als militärisch geschlagen. Führende Islamisten in Deutschland sitzen hinter Gittern oder haben sich ins Ausland abgesetzt. Nun warnt der Verfassungsschutz vor den fanatischen Frauen der Szene.

Keine Seltenheit: Frauen kämpfen für den Islamischen Staat. Screenshot aus einem Propagandafilm im Internet.

VON FRANK CHRISTIANSEN  (dpa)
Als es mit dem Kalifat des «Islamischen Staats» (IS) bergab ging, sollen es die Islamisten mit der strikten Rollenteilung nicht mehr so genau genommen haben. Plötzlich tauchten bewaffnete, voll verschleierte IS-Kämpferinnen in Propaganda-Videos auf. Schon vor mehr als 15 Jahren griffen die tschetschenischen Islamistinnen, die berüchtigten «Schwarzen Witwen», zu den Waffen.

Und in Deutschland? Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz warnt inzwischen: Salafistinnen seien «zunehmend gewaltbejahend und gewaltbereit». Sie erzögen nicht nur ihre Kinder zu einer neuen Generation von Salafisten: «Sie schrecken im Zweifel auch nicht davor zurück, selbst als Attentäterinnen aufzutreten.»

«Schwestern-Netzwerk» 
Die Behörde berichtete bereits vor einem Jahr über ein islamistisches «Schwestern-Netzwerk». Inzwischen seien es 40 bis 50 Frauen. Das Netzwerk breite sich länderübergreifend aus. Es habe ein komplettes salafistisches Programm im Angebot – von der Kindererziehung über das Kochen bis zur Hetze gegen «Nichtgläubige».

Die «Lies!»-Aktion ist verboten, die Straßenmissionierung der Islamisten damit weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Verteilung des Korans in Innenstädten war die größte und aufwendigste Werbeaktion von Salafisten in Deutschland. Führende Köpfe der Salafisten-Szene in Deutschland sitzen hinter Gittern oder haben sich ins Ausland abgesetzt.

Propaganda für Musliminnen 
Von den bundesweit rund 1.000 Syrien-Ausreisenden waren etwa 200 Frauen. 50 von ihnen sind inzwischen wieder zurück. Nach dem Wegfall einer größeren Anzahl von Männern innerhalb der Szene sei eine Stärkung der Rolle von Mädchen und Frauen wahrscheinlich, warnt der NRW-Verfassungsschutz. In geschlossenen Gruppen etwa des Messenger-Dienstes «Telegram» wird die Propaganda an die Glaubensschwestern verbreitet. «OneRoseForYou» oder «FreeOurSisters» heißen sie.

«Oh Schwester, bedecke dich» steht auf dem Flyer, der jungen Musliminnen in Deutschland zugesteckt wurde. Sitzt das Kopftuch locker, sind die Körperkonturen unter der Kleidung zu erkennen, stößt das den Fundamentalistinnen sauer auf.

Radikalisierung mit 14 
Als Safia 2016 in Hannover versucht, einen Polizisten zu töten, ist sie erst 15 Jahre alt. Der Mann überlebt schwer verletzt. Als Linda aus Sachsen ins Kalifat verschwindet, schickt sie Medienberichten zufolge eine schlampig geschriebene SMS an ihre Mutter, die die Sicherheitsbehörden mitlesen: «Ein paar worte an euch dreckign hunde: es werden noch viele anschläge bei euch folgen.»

«Ein Drittel der Salafisten in der Beratung sind Frauen und Mädchen. Letztere steigen oft schon mit 13 oder 14 Jahren in die Szene ein», sagte Claudia Dantschke von der Beratungsstelle «Hayat» unlängst bei einer Fachtagung in Düsseldorf. Von den neun Frauen in Deutschland unter Terrorverdacht seien nur zwei aus rein muslimischen Familien. Fünf seien Konvertitinnen, zwei bikulturell geprägt.

Behörden haben Probleme 
Ohne Erlaubnis ihres Mannes dürfen die Islamistinnen dabei nicht einmal vor die Haustür. Aber warum fasziniert eine derart frauenfeindliche Ideologie Frauen im Westen? «Hausfrau und Mutter, das ist ein Frauenbild, das nicht so anstrengend ist wie das der berufstätigen westlichen Frau», sagt Dantschke. Geschickt indoktrinierten die Salafistinnen ihre Kinder. «Das bekommt das Jugendamt nicht so leicht mit. Das ist sehr schwierig. Aber es wäre ein Fehler, die Frauen zu unterschätzen.»

Gerwin Moldenhauer von der Bundesanwaltschaft schildert die besonderen rechtlichen Schwierigkeiten, die Fanatikerinnen zu belangen. Laut Bundesgerichtshof ist das freiwillige Leben im IS-Kalifat nicht als Mitgliedschaft in der Terrorgruppe IS zu werten. Entsprechend kam eine Syrien-Rückkehrerin straffrei davon.

Während den Männer oft Fotos aus Syrien und Nordirak zum Verhängnis werden, sei dies bei vollverschleierten Frauen nicht der Fall. Islamistin Sabine sei dennoch verurteilt worden: Sie hatte in ihrem Internet-Blog Sprengstoffanschläge verherrlicht und mit Sprengstoffgürteln posiert.

Foto:  Screenshot aus IS-Propagandafilm

03.01.19  wel