Geflohener Mörder gefasst

Gesuchter saß in Frankreich bei der Schwester im Auto

Seine vermeintliche Freiheit währte kurz: Nach gut 100 Stunden auf der Flucht ist ein aus dem Amtsgericht Regensburg geflohener Mörder in Frankreich gefasst worden. Laut Polizei gibt es Indizien, dass der 40-Jährige Helfer gehabt haben könnte. 

Das Amts- und Landgericht in Regensburg: Aus einem Besprechungszimmer war der Mörder durchs Fenster abgehauen.

VON UTE WESSELS (dpa)
Mit einem Sprung aus einem Fenster des Gerichtsgebäudes in Regensburg entkommt ein zu lebenslanger Haft verurteilter Mörder. Sofort wird international nach ihm gefahndet. Weil der 40-jährige Algerier Verwandte in Frankreich hat, richtet sich der Blick der Ermittler auf das Nachbarland, wie Regensburgs Polizeivizepräsident Thomas Schöniger heute berichtete. Am fünften Tag seiner Flucht wird der Gesuchte dann in Straßburg von Spezialkräften der französischen Polizei gesehen – und zwar im Auto einer seiner Schwestern. Etwa 110 Kilometer weiter nördlich nehmen ihn die Beamten fest. Der als gewalttätig geltende Mann leistet dabei keinen Widerstand. Viele Fragen in dem Fall müssen noch geklärt werden, so Schöniger.

Es gebe Indizien, dass der Mann die Flucht geplant und einen oder mehrere Helfer gehabt haben könnte. Mögliche Kontaktpersonen werden überprüft. Unklar sei, weshalb der Mann aus dem Gerichtsgebäude entkommen konnte, sagte Schöniger. Zwei Polizeibeamte hätten den 40-Jährigen aus der JVA Würzburg zu einem Verhandlungstermin nach Regensburg gebracht. Dort musste er sich wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte während seiner Haftzeit in der JVA Straubing verantworten  (e110 berichtete).

Schnelle Flucht trotz angeblicher Fußverletzung
Im Gerichtssaal habe die Vorsitzende Richterin gestattet, dass dem Mann die Handfesseln abgenommen werden. Fußfesseln habe der 40-Jährige nicht getragen, weil er zuvor angegeben habe, am Fuß verletzt zu sein, sagte Einsatzleiter Michael Danninger. Das passe jedoch nicht mit seiner späteren Flucht zusammen. Denn laut Zeugen soll der Mann «extrem schnell» gelaufen sein. Offen ist, ob der Mann die Fußverletzung bewusst vorgegaukelt hat.

Während einer Verhandlungspause war der 40-Jährige mit seinem Verteidiger in ein Besprechungszimmer im Erdgeschoss gebracht worden. Weil das Fenster in dem Raum nicht gesichert ist, sei ein Beamter vor der Tür stehen geblieben. Der zweite ging durch das Gebäude, um sich draußen vor dem Fenster zu positionieren. Diesen Moment habe der Angeklagte genutzt, um aus dem Fenster zu springen. Warum dem Mann keine Handfesseln angelegt wurden, ist ebenfalls unklar.

Beamter springt hinterher   
Der Verteidiger informierte den vor der Tür stehenden Polizisten sofort über die Flucht. Dieser sei dem 40-Jährigen noch hinterher gesprungen, habe ihn jedoch später aus den Augen verloren.

Am Sonntag seien dann Kontaktpersonen des Algeriers auf einer Autobahn in Baden-Württemberg lokalisiert und von Spezialkräften der Polizei verfolgt worden. Ob sich der Gesuchte in dem Auto befand, war da noch unklar. An der Grenze zu Frankreich hätten französische Kollegen übernommen.

Gestern sahen dann Beamte in Straßburg den Gesuchten im Wagen einer seiner Schwestern. Nachdem sich der Verdacht, dass es sich um den Gesuchten handelte, erhärtet hatte, wurde der Mann in dem Ort Farébersviller – etwa 110 Kilometer nördlich von Straßburg und 30 Kilometer südlich von Saarbrücken – festgenommen. Er befinde sich noch in Frankreich in Haft und soll nach Deutschland gebracht werden, teilte die Polizei mit.

Forderung nach Konsequenzen  
Der Vorfall müsse gründlich nachbereitet werden, sagte Polizeivizechef Schöniger. Jedoch habe zunächst die Fahndung nach dem Gesuchten im Vordergrund gestanden. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte Aufklärung, damit sich eine solche Situation in Zukunft verhindern lasse. Die Maßnahmen, die zur Festnahme des Gesuchten führten, bezeichnete er als «ein Beispiel sehr erfolgreicher, internationaler polizeilicher Zusammenarbeit».

Der 40-Jährige hatte 2011 mit einem Komplizen einen Lottoladen in Nürnberg überfallen und die 76 Jahre alte Besitzerin umgebracht. 2013 war er zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes verurteilt worden. Er saß dann in Straubing im Gefängnis. Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in der dortigen JVA war er in ein Gefängnis nach Würzburg verlegt worden. Nun sollte er sich wegen der Tat vor dem Amtsgericht Regensburg verantworten.

Die Flucht des Mannes ist nicht strafbar, erläuterte Schöniger. Jedoch haben sich etwaige Fluchthelfer strafbar gemacht. Außerdem sei zu prüfen, inwieweit der 40-Jährige auf seiner Flucht möglicherweise Straftaten wie Sachbeschädigung beging.

Foto:  Armin Weigel / dpa 

10.01.23 wel