Geheim-Operation Nachtsprung (2/3)

Der Umzug der BND-Spione – Nichts darf verloren gehen

Die Agenten des Bundesnachrichtendienstes haben ihr neues Hauptquartier in Berlin bezogen. Es war einer der größten Umzüge in der Geschichte der Bundesrepublik – und einer der geheimsten.

Wohin nur mit all den Kartons? Der Umzug von Pullach nach Berlin ist eine logistische Meisterleistung.

VON JÖRG BLANK  (dpa)
Im November 2018 sind viele der 93 Gebäude auf dem abgeriegelten 68-Hektar-Areal an der Heilmannstraße in Pullach schon geräumt. Im 265 Quadratmeter großen Präsidenten-Bungalow, einem einstöckigen 70er-Jahre-Bau, in dem die Präsidenten wohnen konnten, zeigen nur noch ein paar Computermonitore auf dem Besprechungstisch, dass hier wohl bis vor kurzem in kleinster Runde über die Krisen der Welt beraten wurde. Die Betten sind abgezogen, die Küche ist ausgeräumt.

Die «Technische Aufklärung» bleibt 
Ursprünglich war das BND-Gelände als «Siedlung Sonnenwinkel» für die Mitarbeiter der Nazi-Partei NSDAP und deren Familien gebaut worden. Abgeschottet von der Außenwelt arbeiteten hier seit 1956 Tausende BND-Agenten hinter hohen Mauern mit messerscharfem Stacheldraht.

Auch nach dem Umzug werden noch rund 1.000 BND-ler in Pullach Dienst tun. Die Abteilung Technische Aufklärung, kurz «TA», etwa bleibt. Sie ist zuständig für elektronische Überwachung von Telekommunikation, Datenanalyse und Softwareentwicklung – ein wichtiger Teil der Spionage. Die Abteilung analysiert auch Cyber-Bedrohungen und deren Abwehr. Alle auswertenden Abteilungen in Berlin werden weiter mit den in Pullach gewonnenen Informationen arbeiten.

Abteilung «GU» zieht um  
An diesem Tag wechseln Akten und Ausrüstung einer mittleren dreistelligen Zahl von Frauen und Männern der Abteilung «GU» («Gesamtlage und Unterstützung») nach Berlin. Im Agenten-Alltag steuern und koordinieren sie die Produktion des Dienstes. Es geht um geheime Analysen, auf deren Grundlage Regierung und Abgeordnete Entscheidungen treffen. Im Lagezentrum behalten die Mitarbeiter das Weltgeschehen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr im Auge.

Etwa 30 BND-Umzugshelfer haben sich gemeldet. Für die Packer des Spediteurs schließen sie die penibel abgeriegelten Arbeitsräume auf und zu. Beim BND gelten die Geheimschutz-Prinzipien «Need to know». Oft darf noch nicht einmal der Kollege im Nachbarzimmer wissen, an welchen Projekten die anderen in der Abteilung arbeiten.

Packer nicht aus den Augen lassen 
Bei dem Transport durch die verwinkelten Gänge von Pullach sollen die Helfer «bitte genau die Sichtachsen im Blick behalten», gibt der BND-Verantwortliche den Kollegen mit auf den Weg. Im Klartext: Trotz aller Sicherheitschecks sollen die Packer lieber nicht aus den Augen verloren werden. «Wir sind hier etwas sensibel, wenn wir Leute sehen, die wir sonst nicht sehen», sagt einer trocken.

Mit acht Umzugskisten muss jeder BND-ler im Schnitt auskommen. In mehreren Tranchen werden allein aus Pullach fast 32.000 Kartons in die neue Zentrale verfrachtet. Aus allen Liegenschaften zusammen sind es rund 100.000 Kartons – aneinander gereiht ergäbe das 55 Kilometer Länge. Hinzu kommen 58.000 neue Möbelstücke, die in den Gebäudekomplex gebracht werden mussten.

James Bond lässt grüßen  
Was in Kisten verpackt oder in speziell verplombten Containern verstaut in die Laster gestapelt wird, lässt der Fantasie von James-Bond-Fans breiten Raum. Schlummern in den unscheinbaren Kartons Geheimprotokolle belauschter Telefonate von Wladimir Putin? Oder sind womöglich Hinweise auf Cyber-Attacken und Bombenanschläge zu finden?

Die Transportaktion ist so geheim, dass für Fotos spezielle Kartons verwendet werden und der Schriftzug auf dem Lkw abgeklebt werden muss. Firmen-Logos dürfen nicht erkennbar sein – geschweige denn die Etiketten mit Laufnummer und Barcode.

Alles im grünen Bereich 
Wie sensibel viele Akten und Geräte wirklich sind, zeigt das aufwendige Prozedere, mit dem der BND versucht, die Sicherheit zu gewährleisten. Mindestens vier Mal wird jedes Umzugsstück am Ende gescannt worden sein. Alle Einzelteile bekommen ein Etikett mit dem unverwechselbaren, computerlesbaren Strichcode. Die Verantwortlichen in der Umzugsleitstelle atmen erst auf, wenn am Ende im eigens programmierten Waren-Verfolgungs-System nach jedem Scanvorgang hinter den langen Zahlenreihen auf ihren Rechnern alles grün leuchtet. Dann ist klar: Es ist nix flöten gegangen.

Sie sind auch ein wenig stolz darauf beim BND, dass ihr Umzug nicht trivial ist. Zwar gehe es in der Masse um Büro-Arbeitsplätze, sagt ein Verantwortlicher. Hinzu kämen die großen Kartenlager des für alle Welt zuständigen Geo-Dienstes und die Bibliothek mit Zehntausenden Geheimakten. Ganz zu schweigen von den Spezialausrüstungen der Labors und Werkstätten. «Schnucki-Spezialzeug» nennt einer das lässig. Er meint zum Beispiel besondere IT-Ausrüstungen und spezielle Kameras. «Alles, was ‚Q‘ so braucht eben,» sagt der Mann. Bond lässt grüßen.

WIRD FORTGESETZT

Foto:   Michael Kappeler / dpa

05.12.18  wel