Geheim-Operation Nachtsprung (3/3)

Der Umzug der BND-Spione – Der Berliner Milliarden-Bau

Die Agenten des Bundesnachrichtendienstes haben ihr neues Hauptquartier in Berlin bezogen. Es war einer der größten Umzüge in der Geschichte der Bundesrepublik – und einer der geheimsten. Die Deutsche Presse-Agentur war dabei.

Das neue Zuhause der Spione: Die BND-Zentrale in der Berliner Chausseestraße hat über eine Milliarde Euro an Baukosten verschlungen.

VON JÖRG BLANK  (dpa)
«Nachtsprung» sagen sie beim BND dazu, wenn die Lastwagen zwischen Freitag und Sonntag die rund 600 Kilometer von Pullach nach Berlin rollen. Nicht von der Polizei, sondern von BND-eigenem Sicherheitspersonal werden die Laster begleitet. Das ist unauffälliger. Sogar ein Werkstattwagen fährt mit, falls es eine Panne gibt.

Pro Wochenende wechseln so im Oktober und November jeweils etwa 400 Arbeitsplätze von Bayern nach Berlin. «Wenn etwas passiert, passiert es so nur für einen Bruchteil der Akten und Geräte», erläutert der Umzugsmanager. Passiert sei bislang nichts, versichert er.

Pannen und Pech am Bau 
Mehr als 15 Jahre ist die Entscheidung für den Umzug her. Vor gut 12 Jahren folgte der erste Spatenstich für den Neubau. In den Jahren darauf gab es Pfusch, verschwundene Baupläne und Probleme mit der Lüftung. Unbekannte sorgten 2015 im schwer gesicherten Bau für einen Millionenschaden, als sie Wasserhähne abmontierten und einen Teil des Gebäudes unter Wasser setzten. Die halbe Republik lachte – auch wenn die Spione noch gar nicht Hausherren waren, sondern die Bauverwaltung des Bundes.

Der bis 2013 geplante Wechsel verzögerte sich mehrfach. Doch der ganz große Skandal ist bisher ausgeblieben: Bei den Sicherheitsprüfungen konnten Experten keine von fremden Geheimdiensten versteckten Wanzen entdecken. Das wäre der Super-Gau gewesen.

BND-Präsident Bruno Kahl spricht von einer Herausforderung, «den Dienstbetrieb am Laufen zu halten, während wir umgezogen sind». Es habe zudem klar sein müssen, «in ein Haus zu kommen, was sicher ist, wo man uns nicht abhört. Das hat Gott sei Dank alles hingehauen», sagt der 56-Jährige erleichtert.

Über 1 Milliarde Baukosten 
Seit fast genau zwei Jahren ist der Hochbau der Zentrale fertig. Es folgte ein Jahr der Abnahme und der Sicherheitschecks. Im November 2017 startete der Einzug. Bei 1,086 Milliarden Euro liegen die Baukosten, plus knapp 5 Millionen für den Ortswechsel. Dazu kommen gut 206 Millionen Euro für die Ausstattung mit Möbeln, die technische Ausrüstung und Dinge wie das Trennungsgeld für Mitarbeiter.

Nicht jeder BND-Experte ist gerne aus Pullach in die Hauptstadt gegangen. Insgesamt hat der Dienst von dort 1.200 Arbeitsplätze nach Berlin verlegt. Bruno Kahl sieht, dass Umzüge die Lebensplanung durchkreuzen können. Doch man habe in einem sozialen Verfahren «alle Härten abgefedert», sagt er.

Rein ins neue Zuhause
Um 3 Uhr früh kommt der Umzugs-Lkw an diesem Samstag wie geplant in Berlin-Mitte an. Gegen 7 Uhr beginnt das Entladen – die Prozedur entspricht der in Pullach: Scannen beim Ausladen, Transport in die Büros. 200 Haupt- und Nebenflure gibt es im Gebäude, nicht gerade übersichtlich ist das. Sowieso ist es ein Neubau der Superlative: größter Behördenneubau in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Grundfläche des Gebäudes entspricht der Größe von etwa 36 Fußballfeldern.

Erst am Montagmorgen, wenn für die meisten Mitarbeiter der Dienst beginnt, wird sich zeigen, ob alle Kartons ihr Ziel erreicht haben. Wenn nach den letzten Scans die Computerlisten grün leuchten, können die Leute in der Umzugsleitstelle aufatmen: Nix flöten gegangen.

Private Handys ins Schließfach 
Damit sich die Berliner Neulinge in ihrer Riesen-Zentrale nicht verlaufen, werden sie von den Umzugsplanern an die Hand genommen. Schon in Pullach konnten sich die Mitarbeiter in Musterbüros mit der Zukunft vertraut machen. Meist zu zweit sind Auswerter und Agenten auf 17 Quadratmetern einquartiert. Für jeden gibt es zwei Computer und zwei Telefone: ein System für die geheime interne Kommunikation, abgeschottet vom Internet. Top secret eben. Und ein zweites System für die Kommunikation mit der Außenwelt.

Weil auch in die neue Zentrale private Mobiltelefone nicht mitgenommen werden dürfen, gibt es vor den Eingangsschleusen Bereiche mit Tausenden kleinen Schließfächern. Das Fach mit der Nummer «007» ist besonders begehrt…

Durch den Venenscanner ins Haus 
Neben 50-seitigen Umzugsleitfäden («Herzlich willkommen in der neuen Zentrale»), eingestuft als «Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch», und Hilfeseiten im Intranet stehen Kurzinfos auf Taschenkarten und menschliche Willkommenspaten bereit. Der mobile Bürgerdienst eines Berliner Bezirksamts darf sogar für ein paar Termine ins Haus kommen, damit die Berliner Anmeldeformalitäten die Neulinge nicht so sehr nerven.

Spannender dürfte für viele BND-Leute die Erfahrung sein, wie sie durch die Biometrie-Schleusen zum Arbeitsplatz kommen: per Venenscanner. Bei diesem Identifikationsverfahren wird das Venenmuster einer Hand erfasst und mit einem Referenzmuster verglichen. Weil die Position der Venen ein Leben lang unverändert bleibt und bei jedem Menschen unterschiedlich ist, gilt die Venenerkennung als genauso sicher wie die Iriserkennung im Auge.

Der Blick des Chefs  
Für Bruno Kahl ist der Eingewöhnungsprozess längst vorüber. Als Hauptvorteil des Umzugs nennt er die größere Nähe zu den Abnehmern der BND-Analysen in Regierung und Parlament. «Das hat das Verhältnis zur Politik schon verbessert.» Seit man sich fast täglich sehen könne, «werden wir auch viel besser verstanden in dem, was wir leisten können und werden wir viel mehr nachgefragt».

Seine Auftraggeber und Aufseher hat Kahl vom Büro im siebten Obergeschoss stets im Blick. Wenn er vom schmalen Balkon schräg nach links schaut, sieht er Kanzleramt und Bundestag. Diese Stellen führen die Aufsicht über den Auslandsgeheimdienst. Der ist in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder von Affären durchgerüttelt worden. Nicht ausgeschlossen, dass auch der eine oder andere mögliche Skandal von Pullach mit nach Berlin gezogen ist.

Foto:  Michael Kappeler / dpa

06.12.18  wel