Ich wusste, dass Du unschuldig bist

Wegen Mordes Verurteilter saß vier Jahre zu Unrecht im Knast

Cottbus (dapd). Vater Siegfried aus Rheinsberg klopfte dem Sohn auf die Schulter. Ich wusste immer, dass du unschuldig bist“, flüsterte der 78-Jährige seinem Sohn ins Ohr.

Die zum 19. Prozesstag in Cottbus angereisten Verwandten und Freunde spendeten dem wegen mangels an Beweisen freigesprochenen Holger H. spontan Beifall im Gerichtssaal. Alle drückten ihm die Hand und beglückwünschten ihn zum Freispruch. „Wir haben jahrelang um eine Revidierung des vom Landgericht Neuruppin gefällten Urteils gekämpft“, sagte sein Verteidiger Veikko Bartel. „Heute haben wir endlich die Früchte unserer akribischen Aufarbeitung des damaligen Fehlurteils geerntet“, ergänzte Strafverteidiger Marcel Börger aus Chemnitz.

Nachträglich neue DNS-Spuren entdeckt
Das Landgericht Neuruppin hatte den Rheinsberger 2006 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Wiederholungsverfahren war nach einer Beschwerde der Verteidigung beim Brandenburger Verfassungsgericht zur Neuverhandlung an das Landgericht Cottbus verwiesen worden. Grund waren die nachträglich entdeckten DNS-Spuren anderer Personen, die als Täter infrage kommen.

Während des Trubels nach dem Freispruch saß der Cottbuser Staatsanwalt Martin Mache immer noch fassungslos vor seinem Computer. Es gibt nur „hopp oder topp“ hatte er noch kurz vor der Urteilsverkündung die bevorstehende Entscheidung der Strafkammer kommentiert. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass der 43-jährige Schlosser 2005 den Nebenbuhler seiner inzwischen von ihm geschiedenen Ehefrau im Schlaf mit einem Küchenmesser erstochen hat und forderte in seinem Plädoyer erneut eine lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes.

Im Zweifelsfall für den Angeklagten
Die Cottbuser Strafkammer sah das anders. Bei den gerichtsmedizinischen Nachuntersuchungen waren an der in Müllsäcken und Decken verpackten Leiche des Opfers DNS-Spuren von mindestens zwei anderen männlichen Personen gefunden worden, aber nicht vom Angeklagten. „In dubio pro reo“ (im Zweifelsfall für den Angeklagten) lautete daher das Urteil. Die Staatsanwaltschaft denkt indes über einen Revisionsantrag nach. „Der Fall bleibt noch in Cottbus“, kündigte der Vertreter der Ermittlungsbehörde an. „Solange der oder die tatsächlichen Mörder von Rheinsberg nicht ermittelt und dingfest gemacht worden sind, gibt es keine Ruhe.“

Nach dem Freispruch und der Aufhebung des Haftbefehls kehrt der zu Unrecht verdächtigte Angeklagte nun wieder in seine Heimatstadt zurück. Das Gericht prüft eine Haftentschädigung für die vier Jahre, die Holger H. unschuldig im Knast gesessen hat.

Foto: hhsow / pixelio.de

02.10.2010 dv