Kinderpornografie bleibt im Netz

Missbrauch und Gewalt: Schreckensbilder wirken lange nach

Gewalt gegen Kinder ist selten ein einmaliges Ereignis. Meist werden nach und nach immer mehr Grenzen überschritten. Die Wachsamkeit von Lehrern, Erzieherinnen, Nachbarn und Mitarbeitern des Jugendamts kann deshalb viel Leid verhindern. Doch zu oft wird weggeschaut.

Der Kampf gegen Kinderpornografie: Die Funde aus dem Internet füllen Schränke mit Aktenordnern bei Kripo und Staatsanwaltschaft. In einem Fall suchten Kripobeamte in 9,4 Millionen Fotos und 355.000 Videos danach.

VON ANNE-BEATRICE CLASMANN  (dpa)
Die Zahlen sind erschreckend, und sie werfen viele Fragen auf: Deutschlandweit sind im vergangenen Jahr 136 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen – fast 80 Prozent von ihnen waren jünger als sechs Jahre. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2018 zudem 98 versuchte Tötungsdelikte auf, bei denen die Opfer Kinder waren.

Die Sicherheitsbehörden registrierten zudem 4.129 Fälle, in denen wegen der Misshandlung von Kindern ermittelt wurde. Bei diesem Delikt dürfte die Zahl der nicht angezeigten Taten allerdings sehr hoch sein. Denn nach Erkenntnissen der Polizei stammen die Täter meist aus der eigenen Familie, der Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis der Eltern. Dementsprechend hoch ist die Hürde, eine Misshandlung anzuzeigen. Die Fälle von sexuellen Missbrauchs von Kindern sind um 6,43 Prozent gestiegen. Demnach waren rund 14.600 Kinder von sexueller Gewalt betroffen – etwa 40 Fälle pro Tag.

FBI gibt deutscher Kripo Tipps 
Die Zahl der aufgedeckten Fälle zu Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie stieg im vergangenen Jahr um mehr als 14 Prozent auf 7.449 Fälle. Das hat laut Bundeskriminalamt (BKA) mit der höheren Zahl von Hinweisen – vor allem aus den USA – zu tun und mit neuen technischen Möglichkeiten.

Anfang Mai war beispielsweise eine Bilderserie aus den USA an die deutschen Behörden geschickt worden. Dank «technischer Ermittlungen» konnte dann der Ort, an dem das Material hergestellt worden war, schnell identifiziert werden. Vier Tage später hat die Polizei den Täter geschnappt.

Doch der Fall war aus BKA-Sicht nur ein Teilerfolg. Die weiteren Ermittlungen zeigten laut BKA-Präsident Holger Münch, dass die Körper der Opfer «vernarbte Spuren» sexueller Misshandlungen aufwiesen. Es habe sich herausgestellt, dass es schon ein Jahr zuvor einen Hinweis auf den im Internet unter Pseudonym agierenden Mann gegeben hatte. Da seine konkrete Rechneradresse (IP-Adresse) aber nicht gespeichert worden war, hatte die Polizei ihn damals nicht ausfindig machen können.

Vorratsdatenspeicherung würde Ermittlungen erleichtern
In Deutschland ist die Vorratsdatenspeicherung – also die anlasslose Speicherungen von Daten, die bei der Nutzung von Kommunikationsnetzen erzeugt werden – aufgrund mehrerer Gerichtsentscheide in der Praxis ausgesetzt. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird in diesem Jahr erwartet. Münch spricht sich für eine zehnwöchige Speicherpflicht für IP-Adressen aus. Er sagt, im vergangenen Jahr sei in 4.000 von 20.000 konkreten Verdachtsfällen die IP-Adresse der einzige Ermittlungsansatz gewesen.

Der BKA-Chef wirbt zudem für den Einsatz sogenannter Upload-Filter durch die Betreiber von Internet-Plattformen. Nur so könne die massenhafte Verbreitung von Kinderpornografie verhindert werden. Denn häufig würden Aufnahmen, die von einem Provider gelöscht und an die Behörden gemeldet wurden, von Nutzern, die sie zuvor heruntergeladen hätten, erneut geteilt. Für die Opfer sei es schlimm, wenn diese Bilder weiter im Netz auffindbar seien.

Experten fordern mehr Engagement für Kinderschutz 
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, sagt, es brauche mehr Sensibilität für potenzielle Gefährdungslagen – etwa bei psychischen Störungen oder Suchterkrankungen der Eltern.

Die Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz spricht von «erheblichen Schwächen» im Kinderschutz. Der größte Schwachpunkt seien Jugendämter, denen Fachkräfte fehlten und eine Instanz für Beschwerden.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagt, «unverbindliches Mitgefühl» nutze den Kindern nicht. Er rät den Landesregierungen – auch mit Blick auf den jüngsten Missbrauchsfall in Lügde – zu eigenen Missbrauchsbeauftragten.

Erschreckendes Beispiel: Kindesmissbrauch in Lügde 
Auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen soll ein 56 Jahre alter arbeitsloser Dauercamper mit einem 34-jährigen Komplizen über Jahre hinweg mehr als 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben  (e110 berichtete mehrfach). Die Anklagen gegen den 56-Jährigen und einen dritten Beschuldigten (49) aus Stade in Niedersachsen liegen bereits vor.

Im Jahr 2017 waren bundesweit 143 Kinder getötet worden. Die Polizei zählte damals 77 Tötungsversuche.

Archivfoto: Sina Schuldt / dpa   (Bildbearbeitung: e110)

08.06.19 wel