Kindesmissbrauch hinter esoterischer Fassade?

Prominenter Musiker ab heute vor Gericht

München (ddp-bay). Im jahrelangen Rechtsstreit um den
Esoterik-Musiker Oliver Shanti kommt es ab heute zum Prozess. Dann
muss sich der 61-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Ulrich S. heißt,
vor dem Münchner Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs mehrerer
Kinder in 314 Fällen verantworten. Die Taten, die ihm die
Staatsanwaltschaft vorwirft, liegen teilweise 24 Jahre zurück. Seit 2002
wurde international nach Shanti gefahndet, doch bis zum letzten Jahr
gelang es ihm unterzutauchen. Erst dann wurde er in Portugal
festgenommen und anschließend nach Deutschland ausgeliefert.

  Shanti war der Anführer einer hierarchischen Sekte, die sich in
den 70er Jahren gebildet hatte. Die Mitglieder der Gruppierung
bewohnten zeitweise einen Bauernhof im niederbayerischen Viechtach
und eine Wohnung in München, bevor Shanti Mitte der 80er Jahre eine
Finca in Portugal bezog. Sowohl in München als auch in Portugal
hielten sich mehrere Kinder seiner Anhänger auf. Shanti stand in
enger Beziehung zu den oft noch Minderjährigen.

Weitere Opfer befürchtet
  Die Ermittler werfen dem gebürtigen Hamburger vor, diese Stellung
ausgenutzt zu haben, um sich den Kindern unsittlich zu nähern.
Zwischen 1985 und 1998 soll Shanti sechs Kinder sexuell missbraucht
haben, darunter vier Jungen und zwei Mädchen. Insgesamt werden ihm
314 Fälle zur Last gelegt. Neben Küssen, unsittlichen Berührungen und
Oralverkehr soll es in einem Fall auch zum Geschlechtsverkehr
gekommen sein. Das könnte jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein: In
einem Interview sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler nach der
Anklageerhebung im April: «Wir fürchten, dass es noch mehr Opfer
gibt, die aber nicht bereit waren, sich zu melden.»

  2002 gab ein Opfer den Ermittlern einen Hinweis auf Shantis
Machenschaften, so kamen die Fahnder auf die Spur des
Esoterik-Musikers. Jahrelang fahndeten sie per Haftbefehl
international nach Shanti. Mehrfach gelang es ihm jedoch, sich dem
Zugriff zu entziehen. Erst Ende Juni 2008 wurde er von einem
Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Lissabon erkannt, als er einen
neuen Reisepass beantragen wollte. Offenbar wollte er zur Behandlung
seiner Blutkrebserkrankung nach Brasilien reisen. Beim Verlassen des
Gebäudes wurde Shanti festgenommen. Die portugiesischen Behörden
lieferten ihn rasch nach Deutschland aus. Seit dem 4. Juli 2008
befindet sich Shanti in Untersuchungshaft in der
Justizvollzugsanstalt Stadelheim.

Stellungnahme erst in der Verhandlung
  Shantis Pflichtverteidiger Thomas Novak und Sebastian Bartels
wollten sich auf Anfrage vor Prozessbeginn nicht zu den Vorwürfen
äußern. Bartels stellte in Aussicht, dass Shanti während des
Prozesses eine Einlassung abgeben werde. Für die Verhandlung sind bis
22. Oktober zunächst zehn Prozesstage angesetzt. Dabei soll nach
Vorstellung der Staatsanwaltschaft auch geprüft werden, ob
Sicherungsverwahrung anzuordnen ist.

26.08.2009 Ta