Millionencoup im Zollamt aufgeklärt

Vier Festnahmen in Polen – Tippgeber ein Bonner Beamter?

Nach dem Bohrer-Millionenraub in Emmerich hat man lange nichts gehört von den Ermittlern. Jetzt präsentieren sie vier Festnahmen. Doch zur Millionen-Beute gibt es keine Angaben. Auch andere Fragen bleiben offen. 

Wenige Tage nach dem Coup wurde der Einbruch in XY behandelt. Im Hintergrund der mutmaßliche Aufpasser der Bande.

Von ROLF SCHRAA und ULRICH BRÜNGER  (dpa)
Der Einbruch lief ab wie in einem Hollywood-Film: Drei Männer hebelten am frühen Morgen die Kellertür des Zollamts in Emmerich am Niederrhein auf. Am Allerheiligen-Feiertag vor eineinhalb Jahren war es verlassen. Im Keller setzten die Männer einen massiven Großbohrer an. Sie brachen durch die Wand des Tresorraums und verschwanden mit 6,5 Millionen Euro in Tragebeuteln. Ein Vierter soll Schmiere gestanden haben.

Zweieinhalb Wochen nach dem Einbruch hatte «Aktenzeichen XY… ungelöst“ bereits darüber berichtet. Dabei ging es vor allem um den Mann, der Schmiere gestanden hatte. Er war von einem Zeugen vor dem Zollamt fotografiert worden.

Festnahmen in Polen 
Nun, nach eineinhalb Jahren Ermittlungen ohne sichtbaren Erfolg, melden die Behörden vier Festnahmen: drei Männer und eine Frau. Sie wurden in den polnischen Städten Zgorzelec und Karpacz geschnappt. Alle Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft.

Der Fall war Ende 2020 hochpeinlich für den Zoll, der immer wieder Drogen- und illegale Gelder in Millionenhöhe beschlagnahmt. Von Tätern und Beute gab es zunächst keine Spur. Die Ermittler in Nordrhein-Westfalen schienen im Dunkeln zu tappen. Und sogar der damals zuständige Oberstaatsanwalt spekulierte kurz nach der Tat, dass eine undichte Stelle im Zoll selbst verantwortlich dafür gewesen sein könnte, dass die Einbrecher genau zu dem Zeitpunkt zuschlugen, als der Safe prallvoll war mit Drogen- und Schwarzgeld.

Insider gab den Tipp
«Jetzt wird geprüft: Wer genau wusste von dem Geld», hatte der Oberstaatsanwalt vor eineinhalb Jahren angekündigt. Und genau dieser Weg könnte zum Erfolg geführt haben. Die Behörden schweigen sich zwar über Details aus. Einer der Festgenommenen war jedenfall deutscher Zollbeamter. «Er war der Tippgeber», bestätigte der jetzt zuständige Oberstaatsanwalt.

Mehr darf er nicht sagen, weil in Deutschland und Polen in einem eng abgestimmten sogenannten «Spiegelverfahren» die Ermittlungen weiterlaufen. Keine Antwort gibt es auch zur besonders spannenden Frage nach der Millionenbeute. Wo das viele Geld geblieben ist, sagen die Ermittler vorerst nicht, oder sie wissen es selbst nicht.

Die Außenstelle des Hauptzollamts Duisburg in Emmerich am Rhein. Hier fand der Millionencoup am frühen Morgen des 1. November 2020 statt.

Der mutmaßliche Tippgeber, der deutscher und polnischer Staatsbürger ist, besitzt Wohnungen in Köln und in Görlitz nahe der polnischen Grenze. Beide wurden vergangene Woche durchsucht, ebenso sein Büro in der Zollbehörde in Bonn und zahlreiche Objekte in Polen. Die anderen Festgenommenen waren nach bisherigem Ermittlungsstand eine Polin, die als Vermittlerin fungiert haben soll, und zwei polnische Männer, die die Tat ausgeführt haben sollen.

Falsche DNA-Spuren gelegt 
Zeugen hatten am Tattag gesehen, wie dunkel gekleidete Männer mit Strickmützen einen weißen Transporter mit den Tragetaschen beluden. Zuvor hatten sie Bohrgeräusche gehört, aber nicht die Polizei gerufen. Später war der vierte Verdächtige – wahrscheinlich der, der Schmiere gestanden hatte – mit einem Auto weggefahren.

«Nordrhein-westfälische und polnische Behörden haben 18 Monate akribisch ermittelt und grenzüberschreitend zusammengearbeitet», lobte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). So sei es gelungen, einen spektakulären Kriminalfall zu lösen. «Hier wurden mutmaßlich Schwerkriminelle festgenommen, die professionell agiert und sogar Trugspuren gelegt haben – ein Indiz dafür, dass sich selbst ausgeklügeltste Verbrechen nicht lohnen», sagte der Minister.

Trugspuren sollten Ermittler nach einer Tat in die Irre führen. Im Emmericher Fall sollen die Täter nach dpa-Informationen falsche DNA-Spuren am Tatort hinterlassen haben.

Archivfotos: 
Aktenzeichen XY:  Securitel / ZDF
Zollamt Emmerich:  Kripo Krefeld

19.05.22 wel