Missbrauchsfälle Bergisch Gladbach: 12 Jahre Haft für «Schlüsselfigur»

Der Angeklagte schützt sich vor den Pressefotografen mit einer Mappe. Neben ihm sein Anwalt.

Köln (dpa) – Zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe hat das Kölner Landgericht den 43-jährigen Jörg L. verurteilt. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. Zudem ordnete das Gericht die anschließende Unterbringung des gelernten Kochs in Sicherungsverwahrung an.

Die Staatsanwaltschaft hatte Jörg L. in ihrer Anklage 79 Taten vorgeworfen. Nicht wegen aller Vorwürfe wird er am Ende verurteilt. Fest steht aber, dass er immer wieder seine 2017 geborene Tochter missbraucht hat – gelegentlich auch zusammen mit einem anderen Vater, den er in einem Chat kennengelernt hatte. Aufnahmen seiner Taten teilte er in Chatgruppen mit Gleichgesinnten. Was auf diese Weise dokumentiert ist, bestritt er im Prozess auch nicht. Taten, die Ermittler ihm nur anhand seiner Text-Beiträge in den Chats – sprich Erzählungen – vorgeworfen hatten, gab er unter dem Strich aber nicht zu. Bei diesen greift am Ende die Unschuldsvermutung.

Missbrauch vor der Kita 
Verurteilt wird er aber unter anderem wegen Kindesmissbrauchs und Vergewaltigung. Das Gericht zeichnet im Urteil das Bild eines Mannes, der schon lange pädophile Neigungen in sich trägt und mit dem Eintauchen in die Schattenwelt des Internets immer mehr davon auslebte. Der Richter bezeichnete die Chats als «Maschinenraum für Missbrauch», in dem sich eine zerstörerische Dynamik entwickelte.

Jörg L. sei dabei einer der proaktiven Protagonisten gewesen, kein Mitläufer oder stiller Gast. Der 43-Jährige aus Bergisch Gladbach kam in den Chats an Kinderpornografie – und «revanchierte» sich mit Aufnahmen vom Missbrauch seiner Tochter. Angefertigt wurden die Bilder und Clips vorzugsweise am Morgen vor der Kita. Auf der Wickelkommode, im Schlafzimmer der Eltern und mit steigender Frequenz. Der Richter spricht von einem «schrecklichen Tatbild».

Verstörende Details 
Schon die Verlesung der Anklage hatte mehr als eine Stunde gedauert und mit verstörenden Details aufgewartet. Wegen der Aufnahmen waren viele Übergriffe gut dokumentiert. Im Prozess stellte sich heraus, wie strategisch der 43-Jährige seine Taten geplant hatte. Und wie kühl er sogar blieb, als die Einschläge näher kamen. Als einer seiner Mittäter auffliegt, verwahrt er für ihn dessen kinderpornografisches Material.

Der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach wurde nach dem Wohnort von Jörg L. benannt. Denn Durchsuchungen bei ihm im Herbst 2019 hatten den Fall ins Rollen gebracht. Polizisten fanden nicht nur große Mengen kinderpornografisches Material, sondern auch Chats und Kontakte zu anderen Männern, die im Internet Videos und Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs austauschen – und sich damit brüsten. Das Landgericht beschreibt die Festnahme von Jörg L. rückblickend als «Erdbeben» für die Szene.

Teile des Prozesses waren unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden, darunter die Aussage des Angeklagten. Den Antrag hatte die Nebenklage-Anwältin gestellt, die seine Tochter vertrat. Sie wollte das Mädchen schützen.

Foto:  Oliver Berg / dpa

07.10.20 wel