Polizisten als Prügelknaben

Gewalt gegen Einsatz- und Hilfskräfte nimmt zu

Bei Demonstrationen und beim Einsatz vor dem brennenden Haus, bei Sanitätsdiensten und in Stadien – Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter sind so stark wie nie zuvor Gewalt ausgesetzt. Vor den Zahlen verblasst auch die ansonsten gute Jahresbilanz der Polizei.

Stuttgart (dpa) – Bei Fan-Randale, Demos oder beim Protest gegen die Rettungsgasse, bei Gaffern, Familienstreitigkeiten und bei nächtlichen Krawallen – immer wieder werden Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter in Baden-Württemberg wie in anderen Bundesländern Opfer von Gewalt. Von oft betrunkenen Angreifern werden sie gestoßen und beworfen, von aggressiven Verdächtigen bei Festnahmen attackiert. Im vergangenen Jahr so oft wie seit vielen Jahren nicht.

Fast 5.000 Taten wurden allein im sonst so beschaulichen Ländle erfasst. Das sind 4,7 Prozent mehr als im Jahr zuvor und sogar 1.000 Übergriffe mehr als vor fünf Jahren. In der Statistik wurden fast 11.200 Polizistinnen und Polizisten als Opfer von Gewalt erfasst – das sind mehr als 30 pro Tag. Mehr als 2.200 von ihnen wurden bei den Angriffen auch verletzt.

Respektlosigkeit greift um sich 
Auch 243 Mitarbeiter des Rettungsdienstes und 122 Feuerwehrleute wurden Opfer körperlicher Angriffe. «Vor dem Hintergrund, dass sie ihre Arbeit häufig ehrenamtlich leisten, ist diese Entwicklung besonders besorgniserregend», heißt es in einem gestern veröffentlichten Bericht zur Kriminalitätslage in Baden-Württemberg.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft sieht den Grund für die Gewalt gegen Uniformierte vor allem im erhöhten Anspruchsdenken der Menschen gegenüber dem Staat. «Es herrscht eine Respektlosigkeit und ein Umgangston, der seinesgleichen sucht», kritisiert der baden-württembergische DPolG-Vorsitzende Ralf Kusterer. «Viele sind gar nicht mehr in der Lage, in der Debatte auf Aggressivität zu verzichten.»

Polizeigewerkschaft: Konsequenter verurteilen! 
Unzählige Male werden Polizisten nach Angaben der Gewerkschaft auch beleidigt und beschimpft. «Das wird immer brutaler», sagt Kusterer. «Es ist eigentlich unglaublich, was sich vor allem Polizistinnen so alles anhören müssen.» Der Gewerkschaftschef forderte, den Strafrahmen auszunutzen und keine Tat gegen Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter unbestraft zu lassen. «Keine Tat darf eingestellt werden», sagte Kusterer. «Es muss konsequent angezeigt, verhandelt und auch verurteilt werden. Da sind wir noch viel zu lasch.»

Laut Innenministerium zählen zu den erfassten Taten der Statistik die Angriffe gegen das Leben von Beamten und gegen ihre körperliche Unversehrtheit, gegen die Freiheit und die sexuelle Selbstbestimmung. Beleidigung sind nicht Teil der Statistik.

Archivfoto: Carsten Rehder / dpa

24.03.20 wel