Sozialhilfe kassiert, in Villa residiert

Groß-Razzia gegen Clan-Kriminalität in NRW

Der Schlichter eines großen Clans residierte in einer Villa in Leverkusen. Doch den Behörden sollen er und seine Familie Mittellosigkeit vorgetäuscht haben. Sie kassierten Sozialleistungen. Gestern durchbrach ein Polizeipanzer das Tor zu ihrem Anwesen.

Polizisten an der Villa der Clan-Familie in Leverkusen. Die Haustur wurde aufgebrochen, das Anwesen durchsucht.

VON FRANK CHRISTIANSEN und CARSTEN LINNHOFF  (dpa)
Die Clan-Familie residierte in einer Villa in Leverkusen, während sie der Polizei zufolge Sozialleistungen in sechsstelliger Höhe bezog. Ermittler taxieren das Anwesen im Stadtteil Rheindorf auf einen Wert von mehr als einer Million Euro. Doch gestern durchbrach ein Polizeipanzer das Tor zum Anwesen. Eine Spezialeinheit sprengte die Haustür auf. Vier Familienangehörige wurden festgenommen. Das Anwesen wurde mit Geld- und Rauschgiftspürhunden sowie mit einem Bodenradar untersucht.

Gegen den staatenlosen Hauptbeschuldigten (46), seine libanesische Frau (42) und seine Söhne – beide Deutsch-Libanesen, 24 und 28 Jahre alt – lagen Haftbefehle vor.

«Geldwäsche in Reinkultur»
Die Leverkusener Familie wird dem Al-Z.-Clan zugerechnet. Der 46-Jährige soll Schlichter des Clans sein, der zu den großen in Nordrhein-Westfalen zählt. Dem Clan werden im jüngsten Lagebild des LKA 227 Tatverdächtige zugerechnet, die für 441 Straftaten verantwortlich sein sollen. Allein in dem Leverkusener Anwesen stießen die Ermittler auf 290.000 Euro Bargeld. Derweil habe die Familie mindestens 400.000 Euro Sozialleistungen kassiert.

Ein scheinbar mittelloser Sohn der Familie hat das Haus gekauft und an seinen Vater vermietet. Die Miete habe das Jobcenter beglichen. Die Umstände der Finanzierung der Immobilie sprächen für «Geldwäsche in Reinkultur», sagt Thomas Jungbluth, leitender Ermittler gegen Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt NRW. Eine Reihe von Leuten habe größere Geldbeträge als Schenkung oder Darlehen überwiesen und später in bar von Unbekannten erstattet bekommen.

Kalaschnikow griffbereit 
Neben dem organisierten bandenmäßigen Sozialbetrug gebe es Hinweise auf Gewaltdelikte, Schutzgelderpressung und Rauschgiftkriminalität, sagt eine Ermittlerin. Es seien zwei scharfe Pistolen und eine Kalaschnikow-Maschinenpistole AK 47 mit verschlossenem Lauf entdeckt worden. Zudem wurden 19 Blanko-Testergebnisse für «Corona»-Tests sichergestellt.

In der Villa wurden mehrere Waffen sichergestellt.

Bei dem 46-jährigen handele es sich um «einen der absoluten Top-Leute der Clan-Kriminalität in NRW», sagte NRW-Innenminister Herbert Reul. «Wir haben ihn nicht nur festgenommen, sondern ihm auch sein Zuhause weggenommen. Das ist heute ein Schlag gegen die erste Liga der Clan-Kriminalität.» Die Villa werde nun im Grundbuch dem Staat übertragen. Auch Autos und eine 30.000 Euro teure Armbanduhr wurden sichergestellt.

Insgesamt wurden bei der Razzia Bargeld und Sachwerte in Höhe von rund 600.000 Euro sichergestellt. Dabei sei der Wert der beschlagnahmten Villa in Leverkusen noch nicht mitgerechnet, sagte ein Polizeisprecher heute. Der 46-jährige Hauptbeschuldigte wurde in Duisburg festgenommen. Unter einer Fußmatte der Oberklasse-Limousine, in der er saß, fanden Polizisten mehr als 14.000 Euro Bargeld. Ein Haftrichter schickte ihn und seine beiden Söhne in Untersuchungshaft. Seine Ehefrau, die sich um weitere Kinder kümmern muss, kam dagegen unter Auflagen auf freien Fuß.

31 Objekte durchsucht 
Es sei ein großartiger Tag im Kampf gegen die Clan-Kriminalität, sagte der Minister. «Mit jedem Einsatz dringen wir tiefer in den kriminellen Sumpf und in die Schattenwelt der Clans ein.»

Die Einsätze in Leverkusen und 14 weiteren NRW-Städten stehen im Zusammenhang mit Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften in Düsseldorf und Duisburg. In Düsseldorf wird seit fast zwei Jahren wegen bandenmäßigen Sozialbetrugs und Geldwäsche ermittelt, in Duisburg wegen eines Steuerverfahrens.

Zwei festgenommene Bewohner der Villa auf dem Weg zu den Einsatzfahrzeugen.

600 Polizisten waren an der Aktion beteiligt. Weil die Verdächtigen als gefährlich und bewaffnet eingestuft wurden, kamen auch Spezialeinheiten zum Einsatz. Insgesamt wurden 31 Objekte im Rheinland, im Bergischen Land und im Ruhrgebiet durchsucht: Häuser, Wohnungen, Büros und Geschäfte.

Fotos:  
Villa in Leverkusen:  Marcel Kusch / dpa
Waffen:  LKA NRW

09.06.21 wel