Sparer abgezockt – Millionenbetrug vor Gericht

Scheinfirmen und Online-Anlagebetrug: Die sogenannten «Pandora Papers» haben ein Schlaglicht geworfen auf dunkle Finanzmachenschaften im Internet. Einer, der davon mutmaßlich profitiert hat, steht nun in Bayern vor Gericht – als Komplize des «Wolf of Sofia».

Angeklagt wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in mehr als 300 Fällen: Ein mutmaßlicher Boss eines Kriminellen-Netzwerks, das Geldanleger betrogen haben soll, muss sich seit heute in München vor Gericht verantworten.

Bamberg/München (dpa) – Ein mutmaßlicher Komplize des Cyberkriminellen «Wolf of Sofia» muss sich wegen Online-Anlagebetrugs in Millionenhöhe in München vor Gericht verantworten. Der Mann ist wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in mehr als 300 Fällen angeklagt, wie die Zentralstelle Cybercrime Bayern in Bamberg mitteilte. Der Prozess hat heute am Landgericht München I begonnen. Es geht um einen Schaden von mindestens rund 8,7 Millionen Euro – und um mindestens 335 Opfer.

Die Ermittler gehen von einem großen Dunkelfeld aus. Es wird wohl noch deutlich mehr Geschädigte geben. Der Angeklagte soll ein führender Kopf einer Betrügerbande gewesen sein, an dessen Spitze der Mann stand, den Medien «Wolf of Sofia» tauften. Dabei handelt es sich um einen in Österreich wegen Cyber-Kriminalität verurteilten Mann. Der Spitzname «Wolf of Sofia» nimmt Bezug auf den Film «Wolf of Wall Street» und darauf, dass die Bande Call-Center in Sofia in Bulgarien betrieben haben soll. Die kriminelle Masche der Gruppe war jüngst auch im Zusammenhang mit den Enthüllungen rund um die sogenannten «Pandora Papers» in die Schlagzeilen geraten – also um ein Datenleck mit Angaben über internationale Schatten-Finanzplätze.

Call-Center-Agenten mit Überredungs-Talent
Die Täter spiegeln potenziellen Kunden vor, digitale Plattformen für den Handel beispielsweise mit unterschiedlichen Währungen zur Verfügung zu stellen. Der Anleger eröffnet dann auf der Webseite des Anbieters für 250 bis 300 Euro ein Handelskonto. Er wird dann nach und nach von angeblichen Experten überzeugt, immer mehr Geld zu investieren – in Scheinfirmen oder bei Finanzagenten.

Das Geld wird über ein komplexes, europaweit installiertes Geldwäsche-Netzwerk verteilt. Die Tätergruppierungen betreiben im Ausland Call-Center, in denen jeweils mehrere hundert Menschen mit den notwendigen Fremdsprachen-Kenntnissen arbeiten.

Verkaufschef gesteht vor Gericht 
Der nun angeklagte Mann soll als «Vice President Sales» – als Vize-Chef Verkauf – innerhalb des Managements der kriminellen Strukturen eine wesentliche Rolle gespielt haben. Nach Angaben der Ermittler war er in die Organisation und Leitung der Call-Center eingebunden. Er war den Angaben nach am Flughafen in Athen festgenommen und im November 2020 von Griechenland nach Deutschland ausgeliefert worden. Seither sitzt er hier in Untersuchungshaft.

Gleich am ersten Prozesstag hat der Angeklagte eingeräumt, für den Schaden in Millionenhöhe mitverantwortlich zu sein. Die Verteidigerin des 45-Jährigen verlas heute eine entsprechende Erklärung vor dem Landgericht München I, in der er alle Vorwürfe einräumte. Der Angeklagte und seine Verteidiger berichteten von psychischen Problemen, Depressionen und erheblichem Drogenkonsum während der Arbeit.

Mittäter bereits verurteilt 
Zwei Mittäter waren nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg bereits im Juni vom Landgericht Würzburg zu Freiheitsstrafen von zwei Jahren und neun Monaten beziehungsweise vier Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.

Für den aktuellen Prozess wurden zunächst acht Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil könnte am 12. Januar fallen.

Foto:  Matthias Balk / dpa

23.11.21 wel