Vor 2 Jahren erste Hinweise

Entsetzen und offene Fragen zu weggesperrtem Kind

Acht Jahre alt und fast sieben Jahre davon eingesperrt. Das Schicksal des Mädchens im Sauerland schockiert. Ermittlungen laufen gegen Mutter und Großeltern. Es hatte anonyme Hinweise gegeben. Hat das Jugendamt korrekt reagiert? Wie geht es dem Kind?  

Für das achtjährige Kind blieb diese Haustür vermutlich sieben Jahre lang verschlossen.

VON YURIKO WAHL-IMMEL  (dpa)
Nie mit einem anderen Kind gespielt, nie eine Wiese gespürt, nie eine Kita betreten oder einen Klassenraum gesehen. Kaum vorstellbar bei einem achtjährigen Mädchen. Der drastische Fall im ländlichen Attendorn erschreckt und wirft viele Fragen auf. Fast sein gesamtes Leben lang, beinahe sieben Jahre, ist das Kind mutmaßlich von seiner Mutter und seinen Großeltern in deren Haus festgehalten worden  (e110 berichtete).  Unfassbar lange hat niemand etwas bemerkt oder gemeldet. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr gingen dann beim Jugendamt im Kreis Olpe zwei anonyme Hinweise ein. Trotzdem: Erst jetzt, am 23. September 2022, wurde die Achtjährige befreit.

Seitdem ist das Entsetzen groß. Der Fachbereichsleiter des Jugendamts, Michael Färber, sagte gestern auf dpa-Anfrage, man sei den beiden anonymen Hinweisen sofort nachgegangen. «Aber es gab keine stichhaltigen Hinweise oder konkrete Anhaltspunkte, dass sich das Mädchen dort aufhielt.» Man habe daher keine rechtliche Möglichkeit gehabt, das Haus zu betreten. Das sei auch die damalige Einschätzung der Polizei gewesen. «Wir haben keine Anzeichen gefunden, die bestätigt hätten, dass das Kind und seine Mutter bei den Großeltern in Attendorn leben.»

Warum wurde das Knd nicht früher gefunden? 
Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie geht davon aus, dass sie dem Mädchen fast sieben Jahre lang nicht ermöglicht hatten, «am Leben teilzunehmen» – nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern. Die Ermittlungen laufen, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss. Die Hintergründe seien noch unklar. Mutter und Großeltern schweigen bisher,

Die Ermittlungen erstrecken sich laut Staatsanwaltschaft auch auf das Jugendamt. «Wir müssen auch beleuchten, ob das Jugendamt alles Notwendige getan hat, um den Fall aufzudecken», erläuterte der Oberstaatsanwalt. Es stelle sich «zwangsläufig die Frage, ob das Kind nicht früher hätte gefunden werden können». Normalerweise wisse man auf dem Dorf schnell, wer bei den Nachbarn ein und aus gehe. Es sei erstaunlich, dass das Kind so viele Jahre nicht gesehen worden sei – und zugleich ein Hinweis darauf, dass die Beschuldigten «sehr geheim und sehr sorgfältig» vorgegangen seien. Die Motivlage sei offen.

Angeblich nach Italien ausgewandert
Das Einfamilienhaus in dem beschaulichen Ort wirkt jedenfalls unauffällig. Geranien vor den Fenstern. Kein nennenswertes Grün. Der hintere Teil kaum einsehbar. Definitiv kein Hinweis auf ein Kind, kein Spielzeug, keine bunten Fensterbildchen.

Nach Darstellung des Kreises Olpe konnten nach den anonymen Hinweisen «Vorwürfe einer möglichen Kindeswohlgefährdung nicht konkretisiert werden». Es habe keine Beweise dafür gegeben, dass das Kind nicht in Italien lebe. Die Mutter hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und als neuen Wohnort für sie und ihre Tochter eine Adresse in Italien angegeben.

Getrennt lebender Vater erwirkt gemeinsames Sorgerecht  
Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem – getrennt von den beiden lebenden – Vater hat, schilderte Färber vom Jugendamt. Der habe sich ans Familiengericht gewandt, das dann 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte. Beim Gerichtsentscheid sei als Wohnort von Mutter und Tochter eine italienische Adresse angegeben gewesen, unterstrich Färber.

Erst in diesem Sommer gab es eine Bewegung, die im September zur Befreiung des Kindes führte. Nach Darstellung des Kreises Olpe hatte im Juli ein Ehepaar, das keine direkte Verbindung zur Familie hatte, Hinweise von Freunden weitergegeben, die sicher seien, das Kind werde im Haus der Großeltern gefangen gehalten. Dann sei es zügig gegangen: Man habe am 14. Juli das Bundesamt für Justiz eingeschaltet, dieses wiederum die Behörden in Italien.

Ungereimtheiten führen zu Hausdurchsuchung  
Am 12. September kam dann die verblüffende Mail ans Jugendamt: Die Mutter wohnte nie in Italien. Man habe am nächsten Tag die Polizei alarmiert. Am 23. September kam das Kind nach einer Hausdurchsuchung frei. Landrat Theo Melcher kündigte an, «verfahrensbezogene Vorgänge im eigenen Haus» würden geprüft.

Wie kann es einem Kind gehen, das in den ersten, prägenden Lebensjahren eingesperrt in vier Wänden lebte, nur Umgang mit drei Erwachsenen hatte? Hinweise auf eine körperliche Misshandlung oder Unterernährung gab es bei seiner Befreiung nicht. «Für das Kind steht jetzt die Welt Kopf. Es wird sich fühlen wie auf einem anderen Planeten», meint Nicole Vergin vom Kinderschutzbund NRW. Grundbedürfnisse des Mädchens und grundlegende Kinderrechte auf Bildung, Spielen oder soziale Kontakte seien missachtet worden. Das werde Auswirkungen auf die mentale, psychische und motorische Entwicklung haben. Das Kind ist in einer Pflegefamilie untergebracht.

Keine Spuren von körperlicher Gewalt 
Dass das Mädchen das Haus jahrelang nicht verlassen haben dürfte, schließen die Ermittler aus seinem Verhalten nach seiner Rettung, wie Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss erklärte. Es sei offenbar sehr beeindruckt von der Außenwelt gewesen – etwa vom Garten, einem Baum, einer Wiese. «Das deutet für uns darauf hin, dass das Kind diese Eindrücke erstmalig erlebt hat», sagte er. Die Achtjährige habe aber einen aufgeweckten Eindruck gemacht. Sie könne sprechen und scheine auch Kenntnisse im Lesen und Schreiben zu haben.

«Wir gehen davon aus, dass sie sich im Haus weitgehend frei bewegen durfte», sagte von Grotthuss. Hinweise auf körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch haben die Ermittler nicht. Bei der Rettung fielen aber Probleme beim Treppensteigen und im Bewegungsapparat auf. Woran das liegt, müsse noch geklärt werden, sagte von Grotthuss. Die 46-jährige Mutter, die 76-jährige Großmutter und der 80-jährige Großvater haben sich noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Das Kind werde befragt, wenn es sein Zustand erlaube, sagte von Grotthuss. «Wir müssen uns behutsam rantasten und schauen, was wir dem Kind wann zumuten können.»

Behutsame Begleitung in normales Leben  
Auch der NRW-Landtag wird sich bald mit den Vorgängen befassen: Die SPD-Opposition will das Agieren der Behörden durchleuchten. Die Frage nach dem Vater des Mädchens wird gestellt: Eine Beziehung bestand laut Kreis Olpe wohl schon vor der Geburt des Kindes nicht. Der Kinderschutzbund mahnt: Zentral sei nun vor allem die behutsame Begleitung des Mädchen auf dem Weg in ein normales Leben.

Foto:  Markus Klümper / dpa

08.11.22 wel