Wenn Frauen Amok laufen

Was kann dazu geführt haben, dasss die Lörracher Rechtsanwältin außer Kontrolle geriet?

Lörrach/Berlin (dv). Bei Amokläufen sind nur in Ausnahmefällen Frauen die Täter. Es wird geschätzt, dass nur jeder zwanzigste von einer Frau begangen wird. So wurden von den 120 zuletzt registrierten Amokläufen an Schulen weltweit 106 von jungen Männern verübt.

Die spektakulärste Tat ereignete sich an Weihnachten 1996 in einer Kirche in Frankfurt-Sindlingen: Dort zündete eine psychisch gestörte Frau mehrere Handgranaten. Es war auch eine Frau, die im April 1990 in Köln einen Anschlag auf den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine verübte und ihn lebensgefährlich verletzte.

Von ihr hätten wir das nie erwartet“
Doch warum? Was führte dazu, dass diese Frauen gänzlich außer Kontrolle gerieten? Was muss passieren, was ist im konkreten Fall von Lörrach geschehen? Es wird einer zähen Ermittlungsarbeit bedürfen, plausible Erklärungen für das Drama zu finden. Zumal die Täterin – die nach einem Schusswechsel mit der Polizei starb – von Nachbarn als freundlich, belastbar und unauffällig beschrieben wird. Auch die Trennung von ihrem Mann schien sie – wenngleich „psychisch angespannt“ – zu verkraften. „Von ihr hätten wir so etwas nie erwartet.“ Das ist ein Satz, der im Umfeld der 41-jährigen Rechtsanwältin immer wieder zu hören ist.

Wenn erwachsene Frauen töten, dann am häufigsten den Intimpartner. Auch das ist eine gefestigte kriminologische Erkenntnis aus den Erfahrungen der Vergangenheit. „Damit eine Frau Amok läuft, müssen dem enorme Kränkungen, Demütigungen, Verletzungen vorangegangen sein“, sagt der Essener Kriminalpsychologe Christian Lüdke. „In der Regel gibt es gestörte Beziehungen über einen sehr, sehr langen Zeitraum und letztlich die Unfähigkeit, mit diesen hohen Aggressionen umzugehen.“

Sie halten mehr aus als die Männer
Aber es dauert in der Regel außergewöhnlich lange, bevor bei Frauen das Limit erreicht ist. „Die innere Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit, mit Enttäuschungen und Kränkungen umzugehen, ist bei Frauen wesentlich höher entwickelt. Das heißt, Männer sind bei Beziehungsproblemen, bei Konflikten und Krisen wesentlich verletzlicher und verletzbarer, als Frauen das sind“, sagt Lüdke. Männer kompensieren diese Verletzungen mit Aggressionen, „weil die Gewaltausübung ihr Gefühl von Ohnmacht in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht wandelt.“

Chronik des Schreckens 
In der Regel ist das keine Option für eine Frau. Dennoch hat es immer wieder spektakuläre Ausnahmen gegeben. Hier eine Chronik dramatischer Amokläufe von Frauen in Deutschland:

– 24. Dezember 1996: Während der spätabendlichen Christmette zündet eine Frau in der evangelischen Kirche von Frankfurt-Sindlingen zwei Handgranaten. Zwei 59 und 61 Jahre alte Frauen – Schwestern – kommen ums Leben, ebenso die Attentäterin. 13 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Die Frau war seit langem auffällig und in psychiatrischer Behandlung. Die Polizei vermutete damals, dass sie in der Kirche Selbstmord begehen wollte und eigentlich keinen Anschlag auf andere Gottesdienstbesucher geplant hatte.

– 1. Februar 2007: Eine 28-Jährige sticht in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) wahllos auf Passanten ein und verletzt dabei drei Menschen schwer. Bei ihr wird ein Blutalkoholspiegel von 1,2 Promille gemessen. Die Täterin ist als gewalttätig bekannt.

– 11. Mai 2009: Auf den Tag genau zwei Monate nach dem Amoklauf von Winnenden wird eine ähnliche Tat in einem Gymnasium in St. Augustin bei Bonn offenbar in letzter Sekunde verhindert: Eine 16-jährige Schülerin plante eine Sprengstoffexplosion. Das Mädchen wird im November 2009 zu fünfjähriger Haft verurteilt.

– 1. Juni 2009: Eine 23-jährige Frau verletzt in Osnabrück (Niedersachsen) mit einem Messer vier andere Frauen. Sie sticht wahllos auf ihre Opfer ein und verletzt sie zum Teil lebensgefährlich. Nach etwa einer halben Stunde kehrt sie in ihre Wohnung zurück, wo sie wenig später festgenommen wird. Sie wird in die Psychiatrie eingewiesen.

– 19. September 2010: Eine Rechtsanwältin tötet in einem Haus in Lörrach (Baden-Württemberg) zunächst einen Mann und ein Kind, setzt das Haus in Brand und schießt auf der Straße auf mehrere Passanten. In einer nahe gelegenen Klinik ersticht sie anschließend einen Pfleger. Die Polizei erschießt die Frau. Die Ermittler arbeiten an der vollständigen Aufklärung der Tat.

Foto: © Paul-Georg Meister / pixelio.de

21.09.2010 dv