Wenn Väter ihre Kinder töten – Kriminologen untersuchen Familientragödien

In jüngster Zeit machten Familientragödien Schlagzeilen von Bayern über Nordrhein-Westfalen bis Sachsen. Kleine Kinder, die vom eigenen Vater umgebracht worden sein sollen. Die Motive können vielfältig sein, sagen Kriminologen.

Trauerkerzen am Tatort: In dem Hochhaus in Gunzenhausen in Bayern spielte sich ein grausames Familiendrama ab. Drei Kinder und ihre Mutter wurden umgebracht.

VON BRITTA SCHULTEJANS  (dpa)
Er soll seine Kinder im Schlaf getötet haben: Ein 31-Jähriger soll Ende Juni in Gunzenhausen bei Ansbach seine Ehefrau, die sieben und neun Jahre alten Söhne und die erst dreijährige Tochter mit einem Fleischermesser erstochen haben.

So schrecklich diese Bluttat in Mittelfranken ist – um einen Einzelfall handelt es sich nicht. «Filizide» nennen Kriminologen es, wenn Eltern ihre eigenen Kinder töten. Wie viele der fast 70 im vergangenen Jahr in Deutschland getöteten Kinder – ohne fahrlässige und versuchte Tötungen – Opfer des eigenen Vaters oder der eigenen Mutter wurden, erfasst die vom Bundeskriminalamt jährlich veröffentlichte Kriminalstatistik nicht. Dort sind nur allgemeine Verwandtschaftsverhältnisse aufgeführt.

Etwa zwei Wochen nach der Tat in Bayern werden in Heidelberg ein 63-Jähriger und seine fünf Jahre alte Tochter tot gefunden. Ersten Erkenntnissen der Polizei zufolge sterben Vater und Kind an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Der Fall hat höchstwahrscheinlich familiäre Hintergründe, sagen die Ermittler.

Mütter werden öfter zu Tätern 
Kurz darauf macht ein Verbrechen in Düsseldorf Schlagzeilen: Ein Vater soll seine siebenjährige Tochter nach einem Ehestreit bei einem Video-Telefonat mit seiner Frau getötet haben. In Dresden sitzt seit Ende Juli ein Vater in Untersuchungshaft, weil er seine drei- und sechs Jahre alten Töchter umgebracht haben soll.

Ulrike Zähringer hat an zwei Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) mitgearbeitet, die sich mit Tötungsdelikten an Kindern in Deutschland befassen. Allgemein lasse sich sagen, dass bei getöteten, jüngeren Kindern Mütter häufiger Täter seien als Väter. Das liege vor allem an Fällen, in denen ein Baby gleich nach der Geburt umgebracht werde. Je älter die Kinder, desto häufiger werden Väter zu Tätern.

Die unterschiedlichsten Motive 
Zähringer schätzt, dass jedes Jahr etwa 15 Kinder im Alter bis einschließlich 13 Jahren von ihren leiblichen Vätern gezielt umgebracht werden. «Tötungsdelikte kommen in allen Gesellschaftsschichten vor», sagt sie. Die Motive seien völlig unterschiedlich.

«Es gibt den Typus, der der Ansicht ist, dass es den Kindern mit der Situation so schlecht geht, dass es besser ist, wenn sie aus der Welt scheiden», sagt Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München. Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, nennt das «eine Art falsch verstandener Fürsorge».

Macht- und Besitzdenken 
Er bezeichnet vor allem Trennungen oder Scheidungen als «Hochrisiko-Zeiten». Nicht selten, so sagt er, definieren die Menschen sich über ihre Familie. «Bei Trennungen bricht dann für Männer, die sich als Macher der Familie definieren, eine Welt zusammen. Das trifft vor allem auf eher konservativ Sozialisierte zu. Da geht es schon sehr klischeehaft auch um Macht- und Besitzdenken.»

Auch Rache könne eine Rolle spielen. «Wir haben noch die Täter, die bestrafen wollen, die ihrer Ex-Frau Schuldgefühle machen und dafür sorgen wollen, dass der andere seines Lebens nicht mehr froh ist.» Das sagt auch Kindler: «Es gibt den Typ, der der Ansicht ist, dass die Frau sich bei der Trennung so unfair verhalten hat, dass sie bestraft werden muss.»

«Keine gefühllosen Monster» 
Zähringer betont dagegen, dass Rache laut KFN-Untersuchungen nur sehr selten das Motiv sei. Gerade bei sogenannten «erweiterten Suiziden», bei denen die Väter zuerst ihre Kinder und dann sich selbst töten, handle es sich oft um «symbiotische Täter», die sich nur über ihre Elternrolle definieren und für den Fall einer Trennung, wenn die Rolle als glücklicher Familienvater verloren geht, kein alternatives Lebenskonzept haben. «Das hat mit dem Verlust einer Idealvorstellung von Familie zu tun.»

Für die KFN-Studie haben die Kriminologen um Zähringer auch Täter in Gefängnissen getroffen und befragt. «Das sind oft Menschen, die massiv um ihre Kinder trauern und ihre Taten schrecklich bereuen. Das hatten wir so nicht erwartet», sagt die Kriminologin. «Man darf sich diese Menschen nicht als gefühllose Monster vorstellen.»

Foto:  Timm Schamberger / dpa

08.08.18  wel