«Wie im Wilden Westen»

Rockerkriminalität macht Köln zu schaffen

Es kommt wohl nicht oft vor, dass ein deutscher Polizeipräsident seiner Stadt Zustände wie im Wilden Westen bescheinigt. Doch in Köln ist eben das zurzeit Realität. Wenn «Bandidos« und «Hells Angels» aufeinander losgehen, ist niemand mehr sicher.

Einschusslöcher in der Scheibe einer Spielhalle im Kölner Stadtteil Buchheim. Unbekannte haben vor einer Woche mehr als ein Dutzend Schüsse abgegeben. Täter: vermutlich eine Rockerbande.

VON CHRISTOPH DRIESSEN  (dpa)
Wenige Fußminuten vom Kölner Dom entfernt peitschen Schüsse durch eine Straße. Stunden später geht ein wahrer Kugelregen auf eine Spielhalle nieder: Das sind Szenen aus Köln vom vergangenen Freitag. Mancher Einwohner fragt sich seitdem: Ist das jetzt Wilder Westen hier? Am Mittwoch gab Polizeipräsident Uwe Jacob die Antwort: Ja, das ist Wilder Westen. «Mitten auf Kölner Straßen wird mit hochkarätigen Waffen geschossen», sagte er bei einer Pressekonferenz. «Als wären wir hier im Wilden Westen wird hier rumgeballert.»

Hintergrund der Schießereien ist ein sich immer weiter hochschaukelnder Konflikt zwischen den Rockerbanden «Bandidos» und «Hells Angels». Die «Bandidos» dominieren in Nordrhein-Westfalen seit langem das Ruhrgebiet, im Rheinland hatten eher die «Hells Angels» das Sagen. In letzter Zeit aber, so erläutert Klaus-Stephan Becker, Leiter der Direktion Kriminalität, hätten die Hells Angels in Köln zunehmend ihre Durchsetzungskraft und Reputation in der Szene eingebüßt. In dieses Machtvakuum wolle jetzt der «Bandidos»-Chef vorstoßen.

Mich macht es zornig.
Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob über die ausufernde Rockerkriminalität

Auf Außenstehende wird dabei keine Rücksicht genommen. «Hier ist ein offener Konflikt auf der Straße entstanden, wodurch Unbeteiligte extrem gefährdet werden», stellt Jacob klar. Wer gerade zur falschen Zeit am falschen Ort ist, hat eben Pech. Es sei nur ein «glücklicher Zufall, dass bisher noch niemand zu Tode gekommen» sei, räumt Becker ein. Jacob sagt: «Mich macht es zornig.»

Wer sind diese Leute, denen das Leben unschuldiger Menschen so gleichgültig ist? Die Polizei zeigt Fotos, die die «Bandidos» und die «Hells Angels» bei Treffen vor der Kölner Lanxess-Arena jeweils von sich gemacht haben. Man sieht junge dunkelhaarige, muskelbepackte Männer. «Das sind ganz überwiegend Migranten unterschiedlicher Nationalitäten», erläutert Becker. Junge Männer aus der Türkei seien darunter, aus dem Kosovo und aus Nordafrika.

Mit den klassischen Rockern von früher haben diese Gruppen nach Einschätzung der Polizei nicht mehr viel zu tun. Manche hätten noch nicht mal ein Motorrad. Es handele sich vielmehr ganz einfach um Kriminelle, die unter dem Nimbus der Rocker ihre wirtschaftliche Interessen verfolgten. Es geht um die Türsteher-Szene, um Shisha-Bars, Drogenhandel. Dabei sind die Banden gar nicht mal so groß: ungefähr 50 Leute pro Gruppe in Köln.

Wer hier in Köln den Rechtsstaat so herausfordert,
der wird Antwort bekommen.
Polizeipräsident Uwe Jacobs

Und jetzt – was will die Polizei unternehmen? «Wir werden es nicht dulden, dass es in Köln so weitergeht wie bisher. Wer hier in Köln den Rechtsstaat so herausfordert, der wird Antwort bekommen», gelobt Jacob.

Erste Durchsuchungen hat es am Mittwoch schon gegeben. Und gleich nach der Pressekonferenz – rund eine Woche nach den Schüssen in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs – hat die Polizei eine Shisha-Bar durchsucht. Bei dem Einsatz gestern Abend auf den Kölner Ringen ging es um Beweismittel, wieStaatsanwaltschaft und Polizei mitteilen. Die Bar steht im Fokus derErmittlungen zu den Auseinandersetzungen im Kölner Rockermilieu.

Auch weiterhin werde man verstärkt kontrollieren. Es würden Zivilfahnder und erfahrene Ermittler aus dem Bereich der organisierten Kriminalität eingesetzt. Ein wichtiger Punkt sei auch die Finanzermittlung: Wie kommen die Bandenmitglieder zum Beispiel an ihre superteuren Autos? «Wir handeln ununterbrochen», betont Jacob. Aber er räumt auch ein: Man brauche einen «langen Atem» dazu.

Foto:  Henning Kaiser / dpa

11.01.19  wel