Wo ist die Leiche?

Ungelöste Kriminalfälle im Norden

Ein Mord ohne Leiche, ein totes Frühchen und Ex-Terroristen, von denen jede Spur zu fehlen scheint: Die Polizei sucht, fahndet und ermittelt. Doch manche Fälle bleiben vor allem eins: ein Rätsel.

Der Angeklagte und sein Anwalt: Ein Bereitschaftschaftspolizist soll seinen besten Freund ermordet haben. Doch vom Verbrechensopfer fehlt jede Spur.

Von THOMAS STRÜNKELNBERG und FRIEDEMANN KOHLER  (dpa)
Viele Kriminalfälle haben 2021 Schlagzeilen gemacht in Niedersachsen und Bremen. Meist konnten Ermittler die Täter rasch festsetzen, die Hintergründe durchleuchten. Doch es gab auch die anderen Fälle, die ungeklärten, die weiterhin Rätsel aufgeben. Vielleicht ist im Jahr 2022 ein Durchbruch bei den Ermittlungen zu erwarten.

Mord ohne Leiche 
Braunschweiger Prozess um einen Mord ohne Leiche: Ein Angeklagter aus Liebenburg im Landkreis Goslar ist gefunden, er steht wegen heimtückischen Mordes vor Gericht. Nur fehlt noch immer die Leiche. Der 50 Jahre alte Bundespolizist will sich vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern. Die Anklagebehörde geht allerdings davon aus, dass er seinen engsten Freund getötet hat. Er habe ein «Hindernis dauerhaft beseitigen» wollen, weil er eine Liebesbeziehung mit der Ehefrau des Mannes wollte.

Am 13. April soll er sich im Garten seines Bekannten in Groß Döhren versteckt und das mutmaßliche Opfer nach draußen gelockt haben. Dort soll er den 51-Jährigen mit einer Schlag- oder Stichwaffe, möglicherweise einer Pistolenarmbrust, getötet haben. Ermittler fanden eine Blutlache auf der Terrasse, blutige Schleifspuren und die kaputte Brille des Mannes, von dem bis heute jede Spur fehlt. Der Bundespolizist sitzt in Untersuchungshaft. Er bestreitet die Tat.

Mysteriöse Entführung 
Gab es die Entführung? Wo täglich Hunderte Lkw beladen werden, im Güterverkehrszentrum Bremen, fand die Polizei im August eine Riesenmenge Drogen. Mehrere Hundert Kilogramm sollen es gewesen sein. Am Telefon meldete sich ein angeblicher Anwalt aus dem Ausland: Wegen des aufgeflogenen Schmuggels sei ein Mensch entführt worden, auch werde dessen Familie bedroht. Namen und Orte nannte er aber nicht. Die Polizei ermittelte, aber die Hinweise auf eine Entführung ließen sich bislang weder erhärten noch entkräften. Die Ermittlungen wegen des Drogenfunds laufen immer noch, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in der Hansestadt.

Tödliches Milchpulver 
Tod eines Frühchens am Klinikum Oldenburg: Nach dem Tod eines frühgeborenen Babys wegen verunreinigter Milchpulver-Nahrung am Klinikum Oldenburg wird gegen das Personal ermittelt. Der Verdacht: fahrlässige Tötung. Doch noch liegt kein endgültiges Ergebnis vor, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt. Die Ermittlungen dauern an, Zeugen würden befragt.

Der Säugling war im Juni auf der Intensivstation gestorben. Untersuchungen ergaben, dass die Nahrung, die das Baby einen Tag nach seiner Geburt bekam, mit einem Keim belastet war. Ein weiteres Frühchen, das wegen der verunreinigten Milch schwer erkrankte, hat sich erholt. Der Umweltkeim Cronobacter kann laut Klinik eine Gefahr für Babys bis zum 12. Monat bedeuten, für ältere Kinder und Erwachsene nicht. Wie der Keim ins Milchpulver kam, ist unklar.

Hinweise nach XY wenig hilfreich
Anschläge auf Aufnahmebehörde: Ungeklärt sind bislang auch die mutmaßlich politisch motivierten Brandanschläge auf Aufnahmebehörden in Braunschweig und Hannover – und nicht einmal das Fernsehen konnte helfen. Zwar gab es nach «Aktenzeichen XY… ungelöst» eine «geringe einstellige Zahl von Hinweisen», wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Celle sagt. Doch daraus ergeben hat sich nichts.

Die Kriminalpolizei sichert Spuren an ausgebrannten Fahrzeugen auf dem Gelände der niedersächsischen Landesaufnahmebehörde.

In der Nacht zum 9. Januar sollen Linksextremisten auf dem Gelände der Behörde in Braunschweig zehn Fahrzeuge und einen Anhänger angezündet haben, verletzt wurde niemand. Kurz darauf tauchte ein Bekennerschreiben im Internet auf. Auch am Gebäude der Landesaufnahmebehörde in Hannover-Langenhagen wurden Brandsätze gefunden. Diese zündeten aber nicht.

Wo sind die RAF-Rentner? 
Das letzte Rätsel der RAF: Europaweit zur Fahndung ausgeschrieben, aber kein Treffer unter den Hinweisen – das Rätsel um drei frühere RAF-Terroristen bleibt weiter ungelöst. Trotz jahrelanger Fahndung scheinen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette weiter im Untergrund zu leben. Sie sollen sich nach dem Ende des Terrors auf brutale Raubüberfälle mit Hunderttausenden Euro Beute verlegt haben.

Mit „neuen“ Fotos von Daniela Klette ruft das LKA Niedersachsen seit 2019 die Fahndung nach Ex-RAF-Mitgliedern in Erinnerung.

«Es wird immer noch gefahndet», betont eine Sprecherin des Landeskriminalamts Niedersachsen. Es habe aber noch keinen Hinweis gegeben, der zur Ergreifung geführt hätte; ihr Aufenthaltsort sei nicht bekannt. Die Polizei hatte mit DNA-Spuren nachgewiesen, dass die drei unter anderem im Juni 2015 in Stuhr bei Bremen versucht hatten, einen Geldtransport auszurauben. Linksterroristen der RAF hatten ab 1970 drei Jahrzehnte lang Angst und Schrecken in der Bundesrepublik verbreitet, sie ermordeten mehr als 30 Menschen. 1998 erklärte sich die RAF für aufgelöst.

Fotos:
Mord ohne Leiche:  Swen Pfoertner / dpa
Brandanschläge:  Julian Stratenschulte / dpa
RAF-Fahndungsfotos:  LKA Niedersachsen    (Bildbearbeitung: e110)

 

10.01.22 wel