Zwei Kinder vermutlich getötet

Familiendrama in Hanau - Vater unter Tatverdacht

Vor einem Hochhaus in Hanau finden Passanten einen schwer verletzten Jungen und rufen die Polizei. Auch in dem Wohngebäude machen die alarmierten Beamten eine fürchterliche Entdeckung.

Der Tatort für die tödlichen Misshandlungen der beiden Kinder befindet sich vermutlich im neunten Stock dieses Hochhauses.

Von CHRISTINE SCHULTZE und ISABELL SCHEUPLEIN  (dpa)
Zwei Kinder sind in Hanau vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Nach Angaben einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft gehen die Ermittler von einem Tötungsdelikt aus. Es gebe Anhaltspunkte für einen familiären Hintergrund der Tat. Nähere Angaben dazu machte die Sprecherin nicht. Die Ermittler fahndeten zunächst erfolglos nach einem Verdächtigen. Nähere Angaben zu dem Mann und zur Frage, in welchem Verhältnis er zu den toten Kindern – einem Mädchen und einem Jungen – stehen könnte, wurden zunächst nicht bekannt.

Passanten hatten heute Morgen um 7.25 Uhr die Polizei alarmiert, nachdem sie vor einem Hochhaus auf dem Boden den schwer verletzten Jungen entdeckt hatten. Beim Eintreffen der Beamten war der Junge bereits nicht mehr ansprechbar. Auf dem Balkon einer Wohnung im neunten Stock fanden die Beamten dann das leblose Mädchen. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Kindes feststellen.

Opfer sieben und elf Jahre alt 
Der Junge wurde ins Hanauer Stadtkrankenhaus gebracht, wo er kurz darauf seinen schweren Verletzungen erlag. Die beiden Kinder sollten noch im Tagesverlauf obduziert werden, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Die Ergebnisse sollen morgen veröffentlicht werden, heißt es.

Nach ersten Hinweisen dürfte es sich um das siebenjährige Mädchen und den elfjährigen Jungen handeln, die in der Wohnung lebten, sagte die Sprecherin. Die Identität der Kinder stand aber noch nicht fest. «Die Ermittler von Staatsanwaltschaft und von Kriminalpolizei gehen von einem Tötungsdelikt aus und konzentrieren sich nun darauf, was sich am Morgen in dem Haus abgespielt hat», heißt es in einer Mitteilung. Nachbarn werden umfassend befragt und Spuren gesichert.

Drohne fotografiert möglichen Tatort
Polizisten sperrten die Straßen rund um das Haus mit rot-weißem Flatterband und Streifenwagen ab. Die Polizei ließ eine Drohne zum neunten Stock aufsteigen, um den Tatort aus möglichst vielen Perspektiven zu fotografieren. Vor dem Haus wurden Büsche auf der Suche nach Spuren entfernt. «Bei einer solchen Tat fahren wir das volle Programm», sagte ein Polizeisprecher.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zeigte sich erschüttert. «Es ist ein Schock, der wieder durch die Stadt geht», sagte er in einem Interview. Hanau war bereits in die Schlagzeilen geraten, als ein 43-jähriger Deutscher bei einem Terrorakt am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordete.

Familie bekam sozialpädagogische Unterstützung 
«Wir müssen die weiteren Ermittlungen der Polizei jetzt abwarten. Leider spricht viel für ein Familiendrama», sagte Kaminsky über den Fall der beiden toten Kinder. Er kenne die Familie nicht persönlich, wisse aber, dass sie schon seit einigen Monaten sozialpädagogische Unterstützung bekommen habe.

Die Familie sei zum Jahreswechsel 2021/22 nach Hanau gezogen, teilte die Stadt auf Anfrage mit. «Mitte Januar wurde dem Jugendamt Hanau bekannt, dass es familiäre Probleme gab.» Sofort nach dieser Information sei das Jugendamt auf die Familie zugegangen und habe Angebote unterbreitet, darunter sozialpädagogische Familienhilfe, teilte die Stadt Hanau mit. Dabei handelte es sich insbesondere um Unterstützung bei Behördengängen und im Familien-Alltag. «Das Angebot wurde durch die Familie angenommen», erklärte die Stadt.

Auch der Kommunale Soziale Dienst (KSD) stand in Kontakt mit allen Familienmitgliedern, heißt es von der Stadt. «Bei diesen Kontakten waren keine Hinweise auf Gewalt erkennbar.» Anfang dieser Woche habe der KSD dann erfahren, «dass sich das familiäre Verhältnis wohl verschlechtert habe». Im KSD sei deshalb entschieden worden, erneut das Gespräch zu suchen und einzugreifen.

Erinnerungen kommen hoch
Das in die Jahre gekommene Wohnhaus in der Innenstadt hat insgesamt elf Stockwerke. Es beherbergt auch eine Arztpraxis sowie ein Geschäft und ein Café. Ganz in der Nähe liegt der Marktplatz der Stadt mit rund 100.000 Einwohnern im Rhein-Main-Gebiet. Mittwochs und samstags findet dort der Wochenmarkt statt.

Anwohner standen am Mittwochvormittag auf dem Bürgersteig und blickten hoch zum Balkon im neunten Stock, auf dem ein Ermittler in weißem Schutzanzug zu sehen war. «Man ist geschockt, vor allem wenn man selber Mutter ist», sagte eine 32-Jährige, die mit ihren zwei Kleinkindern unterwegs war. In der Nähe sei vor gut zwei Jahren der rassistische Anschlag gewesen, erinnert sich die Frau.

Foto:  Frank Rumpenhorst / dpa

11.05.22 wel
aktualisiert:  12.05.22 wel