Zwei Menschen in Halle erschossen

Rechtsextremer Anschlag auf Synagoge

Stunden der Angst in Halle: Ein Schwerbewaffneter will eine Synagoge stürmen und scheitert. Kurz danach werden zwei Menschen vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss erschossen.

Eine zugedeckte Leiche liegt in einer Straße. Durch Schüsse sind nach ersten Erkenntnissen zwei Menschen getötet und zwei schwer verletzt worden.

Halle/Saale (dpa) – Bei Angriffen mitten in Halle/Saale sind vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen worden. Die jüdische Gemeinde entging unmittelbar vorher womöglich einer Katastrophe. Ein Täter mit Stahlhelm und Stiefeln versuchte heute Mittag die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Er scheiterte jedoch, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt etwa 50 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Alles deutet nach Informationen aus Sicherheitskreisen auf einen Einzeltäter hin. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Abend. Demnach soll es sich um den gefassten Mann handeln, über dessen Festnahme die Polizei bereits am Nachmittag informiert hatte. Zunächst waren die Ermittler von mehreren Angreifern ausgegangen.

Einzeltäter: 27-Jähriger aus Sachsen-Anhalt? 
Der Täter ist nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ein 27-Jähriger, der wohl in Halle wohnt. Es sei davon auszugehen, dass Stephan B. deutscher Staatsangehöriger sei und die Tat einen rechtsextremistischen Hintergrund habe, hieß es am Abend.

Die Stadt Halle sprach von einer «Amoklage». Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Fotos und Videos, die von Medien veröffentlicht wurden, zeigten aber nur einen maskierten Schützen. Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei die Festnahme einer Person. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Abend, es deute nun doch alles auf einen Einzeltäter hin.

Ausnahmezustand in der Stadt 
Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich – wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar, sagte ein Sprecher in Karlsruhe. Die Stadt rief die Menschen am frühen Nachmittag überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben. Die Polizei gab gegen 18.15 Uhr Entwarnung. «Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben», twitterte die Polizei. Die Gefährdungslage werde nicht mehr als akut eingestuft.

Bei dem Angriff auf die Synagoge legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Mehrere Schüsse sollen gefallen sein. Eine Frau wurde vor der Synagoge von tödlichen Schüssen getroffen. Ob sie ein Zufallsopfer war, ist unklar. Außerdem gab es einen männlichen Toten in einem Döner-Imbiss.

Für zwei Verletzte, die nach den Schüssen in Halle im Universitätsklinikum operiert worden sind, besteht derzeit keine akute Lebensgefahr. Das teilte Sprecher Jens Müller am Abend mit. Die Frau und der Mann hatten den Angaben nach schwerste Schussverletzungen. Die Operationen seien erfolgreich verlaufen.

Tür der Synagoge hält stand 
Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge. «Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen», sagte Privorozki. «Aber unsere Türen haben gehalten.» Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitsmus bestätigte der dpa nach einem Telefonat mit Privorotzki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

Video vom Schützen
Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag ein Todesopfer auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt. Zudem soll nach Augenzeugenberichten ein Täter in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in einen Döner-Laden geschossen und einen Gast getötet haben.

Die «Mitteldeutsche Zeitung» aus Halle zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Nachreichtensender zeigten ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert.

Bekennervideo?
Der mutmaßliche Täter soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem heute verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss auf einen Mann geschossen wird. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Außerdem ist zu sehen, wie ein junger Mann in Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. Unter anderem berichtet er offenbar seinem Livestream-Publikum, dass ihn Polizisten angeschossen hätten und er am Hals verletzt sei. (Beschreibung des Videos)

Polizeiaktion im nahen Landsberg
Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zu dem Ortsteil Wiedersdorf war abgesperrt. Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen.

Am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr landete auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht. Dem Vernehmen nach hat sich ein Täter dort mit Waffengewalt ein neues Fluchtfahrzeug besorgt. Ein Bewohner soll dabei angeschossen worden sein.

Schutzmaßnahmen vor Synagogen «hochgefahren» 
Nach den tödlichen Schüssen in der Nähe einer Synagoge wurden bundesweit die Sicherheitsmaßnahmen rund um Synagogen verstärkt – so zum Beispiel in Leipzig. Einer dpa-Reporterin zufolge stehen etwa fünf Polizisten vor dem Gebäude in der Innenstadt. Sie sind mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Auch das baden-württembergische Innenministerium hat sofort reagiert. «Wir haben bis auf weiteres die Schutzmaßnahmen bei allen jüdischen Einrichtungen hochgefahren», sagte ein Sprecher in Stuttgart. Außerdem seien Landeskriminalamt und Ministerium in engem Kontakt mit den Behörden in dem ostdeutschen Bundesland.

Foto:  Sebastian Willnow / dpa

09.10.19 wel
aktualisiert: 21:30  wel