Dann weiß ich, dass er daheim ist

Elektronische Überwachung von Straffälligen in der Diskussion - eine Reportage

Offenbach (Stefan Höhle). Oliver M. aus Offenbach hat seinen kleinen Begleiter am Knöchel verloren. Bei der Akkordarbeit für einen Reifenhersteller riss das Band seiner elektronischen Fußfessel, der Sender verlor den Hautkontakt und konnte die abendliche Rückkehr von M. in die elterliche Wohnung der dort montierten Empfangsbox nicht melden. Das Alarmsignal blieb allerdings folgenlos, denn M. hatte rechtzeitig seinen Bewährungshelfer informiert.

«Mit der Fußfessel gelingt es mir, meinen Tagesablauf  ndlich mal zu organisieren», sagt der wegen Raubs vorbestrafte 19-Jährige. Derzeit tragen in Hessen über 60 Personen eine Fußfessel. Die Debatte über eine bundesweite Einführung des Modells steht nächste Woche auf der Tagesordnung der Justizministerkonferenz der Länder in Hamburg.

«Die Sympathie, mit der fast alle Probanden – so heißen unsere Fußfesselträger – dem Sender begegnen, sollte aber nicht überschätzt werden», sagt der Bewährungshelfer von M., Klaus-Dieter Amthor. «Das Gerät erspart ihnen den Gefängnisaufenthalt.» Seit Hessen die elektronische Fußfessel vor zehn Jahren als bisher einziges Bundesland einführte, wurde sie bereits bei über 700 Personen erprobt. Die Richter setzen in diesen Fällen die Strafe auf Bewährung aus oder verzichten auf einen Aufenthalt in Untersuchungshaft. «In weniger als zehn Prozent der Fälle musste die Regelung widerrufen werden», berichtet Amthor. Die Träger der Fußfessel hatten entweder häufig gegen Zeitauflagen verstoßen oder waren nicht am Arbeitsplatz erschienen.

In seinem Offenbacher Büro legt Amthor ein neues Band mit einem Sender um den Knöchel seines Schützlings. Da M. Schicht arbeitet, gibt Amthor in den Computer der hessischen Bewährungshelfer wöchentlich die Arbeitszeiten des jungen Mannes ein. Daraus ergibt sich der Wochenplan. Fußfesselträger müssen einer Beschäftigung nachgehen und in ihrer Wohnung zu bestimmten Zeiten an- oder abwesend sein. Die häusliche Empfangsbox leitet die Signale über das Handynetz an die Zentrale weiter, bei unerlaubten Abweichungen nimmt der Bewährungshelfer innerhalb von Minuten per Telefon oder persönlich Kontakt auf.

Fußfessel auch für Sittenstrolche?
Die Justizministerkonferenz wird am 23. und 24. Juni auch darüber diskutieren, ob mithilfe der Fußfessel auch pädophile Straftäter kontrolliert werden können. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hatte vergangenen Dezember deutschen Richtern die Verhängung nachträglicher Sicherungsverwahrung in Fällen untersagt, in denen das ursprüngliche Urteil vor 1998 erging.

In Offenbach fährt Amthor derweil zu dem 15 Jahre alten Dargo Z., der nach mehreren Raubdelikten nur deswegen nicht im Jugendgefängnis sitzt, weil er die Fußfessel trägt. Dargo arbeitet im Glasereibetrieb seiner Eltern. Der Jugendliche erzählt, er stehe jetzt morgens pünktlich auf und nennt als Grund dafür nicht die Erwartung seiner Eltern, sondern den Sender an seinem Knöchel. Die Fußfessel helfe ihm, Regeln einzuhalten.

Ziel: Die reguläre Bewährung
«Nach spätestens neun Monaten kommt die Fessel ab», sagt Amthor. Ihr bisheriger Träger muss dann in regulärer Bewährung zeigen, ob er gelernt hat, seinen Tag gesetzestreu zu gestalten. Amthor steuert eine frühere Offenbacher Tankstelle an, die einer seiner Schützlinge gepachtet hat. Er habe eine gute Prognose, sagt der Bewährungshelfer.

In der gemieteten Garage arbeitet der 28-jährige Andrea B. an Gebrauchtwagen. Mit einem Sender am Fuß nutzt der wegen Körperverletzung Vorbestrafte seine letzte Bewährungschance.

«Meine Freundin und wohl auch die Fußfessel haben mir geholfen, ein neues Leben zu beginnen», sagt B. Er hofft, in vier Monaten den Sender loszuwerden. «Schade eigentlich, die Fußfessel hat ihre Vorzüge», sagt seine Freundin scherzhaft. «Wegen ihr wusste ich immer, dass er um elf am Abend daheim ist.»

16.06.2010