Der Pokal-Fight

In Berlin rasten die Ultras aus - es bleiben Erschrecken und Ratlosigkeit

Berlin (je). Am Tag danach liegt eine unwirkliche Friedlichkeit über dem Verein. Ein knuffiger Plüsch-Teddybär im Vereinsshirt wird auf der Webseite des BFC Dynamo zum Verkauf angeboten, die vier Flutlichtgiraffen des Jahnsportparks trotzen still und eisern dem Berliner Nieselregen. «Das größte Gut des Vereins sind seine Fans», hat ein BFC-Fan über seine Webseite geschrieben. Wie Recht er doch hat. Oder?

Am Vortag ist dieses Gut zur großen Last geworden. Rund 100 Randalierer hatten nach dem Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern den Gästeblock gestürmt und hatten um sich geschlagen. Verletzte gab es nicht nur unter den prügelnden Fans. Auch eingreifende Polizisten waren betroffen.

«Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die in letzter Zeit an der Vereinsarbeit beteiligt waren», sagt der Fanbeauftragte Rainer Lüdtke. «Man merkt bei allen eine Schockstarre. Ich dachte, wir sind viel weiter.»

«Gesichter, die ich nie zuvor gesehen habe»
Lüdtke, seit 14 Jahren ehrenamtlicher Fanbeauftragter von Dynamo, sucht nach der Katastrophe nach Gründen. «Da waren Gesichter, die ich nie zuvor gesehen habe. Leute in BFC-Klamotten, die ich gar nicht kenne.» Auch die Brutalität der Schläger vom Samstag schockiert den erfahrenen Fan-Betreuer. «Ich habe auf einem Foto gesehen, dass mehrere auf einen einschlugen. Das sind Sachen, die ich seit zehn Jahren nicht bei uns gesehen habe.»

Über 10.100 Besucher waren zum Pokalspiel gekommen – eine neue Rekordkulisse für Dynamo bei einem Heimspiel nach der Wende. Das Gastspiel des Bundesligisten war offenbar eine attraktive Plattform, um auch Leute anzulocken, die mehr auf Krawall als auf Fußball aus waren.

«Es waren zwischen 250 und 300 Personen, die Krach gesucht haben», resümiert ein Polizeisprecher. Wie ein Teil von ihnen praktisch ungestört von der Gegengeraden durch leere Blöcke hinüber zum Gästebereich gelangen konnte, muss noch im Detail geklärt werden. Lüdtke vermutet, ein ungefähr ein Meter hohes Rolltor am Ende der Gegengeraden sei nach Schlusspfiff nicht ausreichend mit Ordnern besetzt gewesen.

Polizei «vor verschlossenen Toren»
Die Polizei bestätigte, dass der Durchbruch des Fans auf ein Verschulden der Ordner zurückzuführen war. Eine Auswertung habe ergeben, «dass Maßnahmen des Ordnerdienstes, teilweise entgegen vorheriger Absprachen mit der Polizei, zu den Problemen geführt und den Verlauf begünstigt haben», hieß es in einer Mitteilung.

Warum aber wurden bei einer als «Risikospiel» eingestuften Partie nicht von vornherein Beamte zwischen den Gästen aus Kaiserslautern und den berüchtigten BFC-Fans platziert?

Generell sei zunächst der vereinseigene Ordnungsdienst für die Lage im Stadion verantwortlich, sagt die Polizei. «Erst wenn es zu Straftaten kommt, schreiten wir ein.» In diesem Fall zu spät. Im Lauterer Block war bereits Panik ausgebrochen.

Bilanz der Randale von Berlin: unter anderem 18 verletzte Polizisten, zwei im Krankenhaus, Strafverfahren gegen 50 Personen. Der Schaden am Image des Vereins ist immens.  lässt sich schwerer bemessen. Und Rainer Lüdtke überlegt, sein Amt aufzugeben: «Irgendwann fehlt die Kraft.»

So verliert sich 24 Stunden nach dem fatalen Pokal-Fight“ denn auch die trügerische Idylle zur Gänze. Am frühen Nachmittag findet sich auf der offiziellen Internetpräsenz des BFC Dynamo ein ausführlicher Entschuldigungsbrief an den 1. FC Kaiserslautern. Wo morgens noch der Teddy lächelte, steht nun: «Leider, leider endete ein schönes Spiel mit einer zu 99 Prozent friedlichen Kulisse in einem Albtraum.»

Foto: Sirius Black / pixelio.de

01.08.2011 dv / wel